15.09. - Eine Geschichte vom Scheitern... Teil II

Luise

 

Ihr erinnert euch, wie wir durch den Dschungel geschwebt sind und jedes Blatt und jeden Käfer dokumentiert haben? Ihr erinnert euch, wie wir zwei Stunden zum Supermarkt gebraucht haben, weil wir alles fotografieren mussten? Ihr wisst, dass ich durch meine filmische Arbeit immer mindestens hundert Meter hinter den anderen Mädels hinterher hänge? Das wird uns heute zum Verhängnis. Am Anfang sind wir noch motiviert, unser eigenes Tempo zu halten, auch wenn wir von gefühlt Millionen Menschen überholt werden. Unser Guide und die Betreuer der anderen Truppen weisen uns mit freundlicher Stimme darauf hin, nicht zurückzufallen und bei der Gruppe zu bleiben. Jeder kennt diesen Tonfall, als würde man mit einem einfältigen Kind reden. Mein linkes Auge fängt schon wieder an zu zucken. Mit dem Anstieg beginnt auch der Hagel. Die beeindruckende Landschaft festzuhalten ist unter diesen Witterungsbedingungen kaum möglich. Ich verbringe allein fünf Minuten damit, meine Kamera und das Stativ so an mir zu befestigen, dass nur das Objektiv durch meinen Regenponcho schaut. Aber nach wenigen Minuten sind meine Hände durch den windigen Zug so eingefroren, dass das Touchpad der Kamera meine Finger nicht mehr erkennt. Darauf waren wir nicht vorbereitet. Klar wird es in den Bergen kalt, aber auf der Packliste stand nichts von Winterklamotte! Das Atmen fällt mir immer schwerer, aber ich geh mit schnellen Schritt auf Heda zu, die ich durch ihren orangenen Ikearegenüberwurf auf noch durch die dreihundert Meter dicke Nebelwand erkennen kann. So leuchtend ihre Gewandung ist, so aschfahl und geistesabwesend trottet sie voran, als ich sie erreiche. Ich bin leicht erschrocken, eine unmotivierte Heda ist kein gutes Zeichen. Aber für viel Einfühlungsvermögen fehlt mir der Sauerstoff im Gehirn. Stattdessen beginne ich sie mit Worten zuzuschwallen.

 

„Guck mal da, ein zweifarbiges Lama, Heda, siehst du´s?... Schau mal die Farben… kacke, dass es regnet… Guckmal, die haben nix an außer Jesuslatschen… Was die hier hoch hetzen… die können die schöne Natur gar nicht genießen… Oh guck mal Heda, da ist das Lama mit der Hose!“ Wäre ich Heda, ich hätte mir schon längst paar geklatscht. Später erzählt sie, dass sie sich an nichts mehr erinnern kann und erst im Bus wieder zu sich kam, als uns die Aufpasserin ein stinkendes Duftöl unter die Nase halten will.

 

 

Der Weg ist schlammig und steinig, man hat uns mit Wanderstöcken ausgerüstet, die uns vor schweren Stürzen retten sollen, aber für mich ist jedes Gramm, dass ich mit mir trage, nur Ballast. Der Hagel zerkratzt mein Gesicht und lässt meine Brille beschlagen, aber all meine Aufmerksamkeit gilt Heda, die langsam apathisch wirkt. Klar, ihr Herz muss gefühlt einen halben Meter mehr an Körper mit Blut versorgen und bei über einem Meter Achtzig ist der Windwiderstand natürlich auch größer… Ich hab ein bisschen Angst. Der Guide kommt zu uns gelaufen. Wie alle Aufpasser trägt er einen gelben Müllsack über der Jacke. Mit seinem markanten Kinn und den kindlichen Gesichtszügen wirkt er wie eine Pixaranimationsfigur. In väterlichen Ton legt er uns nahe ein Pferd zu nehmen. Heda sagt nichts, sie reagiert nicht mal, sondern läuft einfach weiter. Ich wimmel den Typen ab. Zumindest steht inzwischen auch den Menschen um uns herum die Anstrengung ins Gesicht geschrieben. Die Ersten heulen sogar und werden mit Atemübungen von den anderen Guides beruhigt. Das motiviert mich umso mehr noch durchzuhalten, dann schaue ich Heda an… wir brauchen doch ein Pferd. Aber jedes, dass uns entgegen kommt, ist besetzt. Langsam bin ich verzweifelt. In sanftmütigem Ton, für den ich mich selbst verprügeln würde, erkläre ich Heda, dass sie hier warten solle und ich organisiere ihr ein Pferd. Ich laufe den Berg wieder dreihundert Meter hinab. Böser Fehler! Ganz Böser Fehler! Wenn du auf viertausend Meter Höhe bist und in der nächsten Stunde irgendwie die fünftausend noch erreichen musst, dann lauf nicht zurück! Aber in dem Moment war mir das auch egal, Heda braucht ein Pferd. Endlich sehe ein freies Pferd, die Halterin sitzt auf einen Felsvorsprung und schaut mich mit großen Augen an.

 

Hola, I need a horse for my amiga!” Sie versteht mich nicht. Ich deute nach oben, auf den orangenen Fleck in der Landschaft. Inzwischen hat sich auch Mister Gelbersack zu Heda gesellt. Die Frau nickt, bleibt aber sitzen. Mit wilden Gestikulationen versuche ich ihr klar zu machen, dass sie mir folgen soll. Durch meinen Ausdrucktanz aufmerksam geworden, kommt ein älteres Ehepaar zu mir gestolpert und übersetzen mein atemloses Englisch ins Spanische, auch dass bedarf der Unterstützung von Händen und Füßen, da sie anscheinend nur Quechua spricht. Dann endlich erhebt sich die Frau und ich führe sie zu Heda, die paar hundert Meter kommen mir vor wie zwei Kilometer. Endlich erreichen wir die beiden. Das Fokuhila-Babyface erklärt mir noch, wo wir absteigen müssen, dann entschwindet er zum Glück wieder. Ich helfe Heda auf das Pferd. Zur Erklärung die Situation war todernst, am liebsten hätte ich sie nicht Richtung Gipfel sondern Richtung Tal geschickt und ich selber war auch nicht unbedingt bei bester Laune, dem Sauerstoffmangel und Badhairday-Joe geschuldet. Aber der Anblick eines peruanischen Pferdes (wir sprechen hier von einer Schulterhöhe von vielleicht 1,40m) und der daraufsitzenden Urwaldamazone (wir sprechen hier von einer Schulterhöhe von vielleicht 1,60m) verhüllt in diesem orangenen Regenüberwurf gleicht einer surrealen Neuinterpretation der heiligen Maria auf dem Weg nach Bethlehem. Nur ihr aschfahler Gesichtsausdruck passt nicht ins Bild. – So wirkt sich anscheinend Saustoffmangel auf mein Gehirn aus.

 

Ich beschwichtige Heda noch etwas. Sie reitet los. Ich suche meinen Wanderstab, den ich in der Aufregung WEITER UNTEN vergessen habe und dann… bin ich allein. Alle meine Freunde sind weg… das hab ich nicht bedacht.

 

Und jetzt?... Fortsetzung folgt...

 

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15.09. - Eine Geschichte vom Scheitern... Teil I

Luise

Unser letzter Tag in Cusco beginnt schon halb vier Uhr morgens.

 

„Wer hat eigentlich die scheiß Idee mit dem Rainbowmountain gehabt...“, höre ich es aus dem Schlafsack links von mir grummeln. Magda drückt den Wecker wieder aus und dreht sich wieder um.

 

Die Dusche im oberen Stock ist wie gewohnt kalt, aber angenehmer als die von Fabi und Swantje. Dort gibt das nachträglich eingebaute Erhitzungsgerät im Duschkopf immer wieder kleine Stromschläge ab.

 

 

 

Wieder ist es ein kleiner weißer Bus, der uns abholt, nur diesmal reichen die Plätze gerade noch für uns fünf. Die Stimmung ist gedrückt und müde. Wir fahren... und fahren. Es war schon merkwürdig, wir hätten auch auf dem Weg zur nächsten Choloeraimpfstelle sein können, wir hätten es nicht gewusst. Vielleicht stand der eigentliche weiße Kleinbus noch vor unserer Unterkunft? Wir verlassen Cusco . Der Fahrer antwortet auch nicht auf unsere Fragen. Holpernd folgen wir einem Flusslauf und finden uns auf weiten Ebenen wieder. An einem einsamen Haus an der staubigen Straße halten wir an. Zum Glück stehen hier noch andere weiße Kleinbusse. Wir fragen den Fahrer was jetzt passiert. Er sagt wieder nichts. In meinem Kopf spielen sich schon diverse Szenen ab. Die gruseligsten Horrorfilme finden eh tagsüber statt. Gleich betätigt er die Zentralverriegelung, setzt sich eine Gasmaske auf lässt K.O.-Gas in das Gefährt. Ich schaue mich im Wagen um. Das Fenster kann ich nicht öffnen, aber im Zigarettenfach finde ich einen angekauten Maiskolben. Das wars. Das ist das Ende, denke ich und das wird nicht das letzte mal an diesem Tag gewesen sein, dass mich dieser Gedanke plagen wird. Kinder kommen uns auf der Straße entgegen gelaufen. Ein älterer Mann baut vor dem Haus einen Klapptisch mit Souveniers auf. Ok, wenn wir nicht mit Alpakastrickmützen zu Tode gequält werden sollten, dann sind wir wirklich auf einem Touristen Trip. Ein Mann erscheint an der Schiebetür: Sonnenbrille, Basecap und Fokuhila. Er öffnet den Wagen und stellt sich als unser Guide vor. Bald gäbe es Frühstück , wir können uns erst eimal die Beine vertreten. Für das Frühstück werden wir dann nach einer gefühlten Ewigkeit in das Haus geführt.Im Gänsemarsch stapfen fünfzig bis sechzig Menschen durch den Eingang in den Innenhof und in einem niedrigen, lehmverputzten Anbau. Wie im Schullandheim stehen dort lange Tische, an denen die Wandersippe Platz nimmt. Die Wortkargheit nimmt mit dem ersten Kaffee ab. Menschen aller Herrenländer sind hier vertreten, die Meisten aus Europa. Geeint in ihren farbenfrohen Regenjacken und dem Wunsch, die 5000 Metermarke zu knacken. Das karge Mahl hinuntergeschlungen, steigen wir wieder in die Busse. Je weiter wir fahren, desto höher erheben sich die Berge links und rechts. Mir klappt immer wieder der Mund auf und die Kamera schlägt gegen die Fensterscheibe. Das Gestein trägt einen dunkellilanen Puderton. Gräser und Sträucher klammern sich in einem grüngelb an das Geröll. Es ist neblig. Es fühlt sich nicht nach der Welt an auf der ich bisher gelebt habe, abgesehen von dem angekauten Maiskolben im Zigarettenfach, den ich bei jeder Kurve unheilvoll in seinem Versteck klappern höre. Wir steigen auf einem Parkplatz aus und es ist vorbei mit der Idylle. Tausend Busse, eine Million Menschen... und es ist scheiße kalt. „Guide“, seinen Namen habe ich aus irgendeinem Grund nicht aufgeschrieben, reicht uns neonfarbene Westen. Damit wir wissen, zu welcher Gruppe wir gehören. Mit spitzen Fingern nehme ich das Stück Stoff entgegen. Es ist der Hass, sofort habe ich Schulsport Assoziationen. Ich knote es an meinen Rucksack. Wir, mit dem roten Schwitztuch, sind die Gruppe „Pachamama“. „Guide“ hält noch eine motivierende Rede. Dann geht es los und wir reihen uns auf dem schmalen Pfad dieser beeindruckenden Tundra ein. Ich möchte das gern festhalten und installiere die Kamera an meinem Körper und dem Regenponcho. Es ist wirklich scheiße kalt. Schnell fällt buntesgold von der Gruppe ab, denn wir wollen Fotos machen. Bis zum Ticketschalter ist es noch ein ganzes Stück. Andere Gruppen überholen uns. Der Weg ist gesäumt von freilaufenden Alpakas. Manche Touristen reiten auf Pferden an uns vorbei. Dekadent, denke ich mir, wie sie da hoch zu Ross sitzen und von einheimischen in Bunten Ponchos und Sandalen geführt werden. Insgeheim find ich das natürlich cool, aber mein Ehrgeiz, aus eigener Kraft da hoch zu laufen, überwiegt noch. Wir können da nicht einfach weiter gehen! Und wir müssen alle auf Toilette. In dem Häuschen gab es zwar ein stilles Örtchen, aber bei der Menge an Leuten, war es praktisch dauerbesetzt. Vor dem Einlass steht etwas fernab ein kleiner Bretterverschlag. Die letzte Notdurft erweist sich als sportliche Herausforderung. Ein von fauligen Brettern verstärktes Loch im Boden stellt mich vor ein Rätsel. Ich habe und das gebe ich zu, noch nie im Stehen pinkeln müssen. Dazu kommt, dass die Tür nicht von alleine zuhält. Fabi drückt von außen gegen die vernagelten Bretter. Für Männer ist das natürlich alles kein Problem. Hose auf und los geht’s. Aber bedingt der Schwerkraft finde ich einfach keine Position, ohne nach hinten ab zu fallen. Die Senke ich auch nicht klein, würde ich also das Gleichgewicht verlieren... Stressbedingt, zwinge ich mich zu einer resuluten Entscheidung. Ich muss meine Hose loswerden. Und das ist der Größte Vertrauensbeweis, den ich einem Menschen machen kann. Es sind ungefähr zwanzig Neurosen, die ich in diesem Moment besiege, als ich mich, mit nur einem Schuh und mit nur einem Hosenbein angezogen. (Zur Erinnerung: Es ist scheiße Kalt.) über einer urinig duftenden Fäkaliensenke erleichtere und ich den Mädels da draußen vertraue, dass egal, was passiert... jetzt niemand diese Tür öffnet. Ich bin unheimlich stolz auf mich, als ich aus dem Plumpsklo komme.

 

Unsere Gruppe ist schon durch den Ticketschalter.

 

Ich bin erleichtert, schlimmer kann es jetzt nicht mehr werden... wie falsch ich doch lag..

 

 

 

Fortsetzung folgt.

 

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Der Färbeworkshop in Ostrov - ein kleiner Rückblick auf den 16.August

Fabi

Diesen Sommer ergab sich für uns, neben unserer für vier Monate laufenden Ausstellung im Sommerschloss in Ostrov, die Möglichkeit Workshops zu geben und so mit Besuchern der Ausstellung ins Gespräch zu kommen, sowie einen kulturellen Austausch zu erzielen. Die Galerie bietet unter anderem in den Ferien ganztägige Kurse für Kinder an, in denen sie spielerisch künstlerische und handwerkliche Techniken kennenlernen und ausprobieren können. Um den Kindern die von uns verwendeten textilen Techniken näher zu bringen, planten wir Kurse zu den Themen Cyanotypie, Färberei mit Naturmaterialien und Batik/Shiborifärbetechnik. Während Heda also die ersten beiden Themen übernahm, sollte ich einen Kurs über die Batik- sowie Shiboritechnik geben. Das war zugegeben schon erst einmal Neuland für mich - Der Gedanke, mit Kindern zusammen zu arbeiten, war da absolut kein Problem. Ich finde es immer sehr bereichernd und unterhaltsam und mache das unglaublich gern. Doch eine gewisse Gehemmtheit spielte trotzdem mit, da ich anfangs nicht wusste, wie viele Kinder es sein werden, welche Altergruppe da vor mir sitzen wird... welche Erwartungen sie haben werden und vor allem, wie wir überhaupt kommunizieren würden, denn der tschechischen Sprache bin ich absolut nicht mächtig. Wie so oft wurde mir dann doch recht schnell bewiesen, dass sich das Gedankenkarussell mal wieder als unnötig erwiesen hat... denn während meines Emailverkehrs mit der Galerie klärten sich viele Fragen. Die meisten Materialien für den Kurs waren schon vor Ort. Auch seien wohl alle Mitarbeiterinnen der Galerie anwesend und würden mich sowohl bei der Betreuung der Kinder als auch beim Übersetzen unterstützen. Nach weiteren Absprachen über den Verlauf des Workshops, war es dann also soweit. Ich machte mich am frühen Morgen des 18. Augusts von Leipzig mit dem Auto mit Vorfreude auf den Weg nach Ostrov. Als ich ankam, wurde ich sehr herzlich empfangen. Alle Vorbereitungen für den Workshop waren bereits getroffen. Angesichts des guten Wetters sollte der Kurs draußen im Garten vor der Galerie stattfinden, ich hatte noch eine gute halbe Stunde bis zum Beginn und die Kinder waren alle noch beim Mittagessen. Nach einer Weile trudelten die ersten Kindergruppen ein, manche sangen fröhlich vor sich hin, andere schauten schon heimlich und neugierig zu mir und den aufgebauten Tischen herüber. Ein besonders aufgeschlossenes Mädchen winkte mir zu, grinste frech und setzte sich dann vor mich auf die Wiese und fragte mich etwas auf Tschechisch. Mir fiel auf die Schnelle nur ein „Oh sorry I don't understand you!“ raus, darauf gab es ein „OK !“ und wieder mit einem breiten Grinsen trabte sie wieder ab zu ihren Freundinnen. Diese Begebenheit zeigte mir wieder, wie gern ich mit Kindern zusammen arbeitete. Das Mädchen, was da eben zu mir kam, war absolut unvoreingenommen, voller Tatendrang und guter Laune. Ich merkte, dass das ein guter Tag werden würde. Nach und nach trudelten auch die anderen Kinder ein und kurzerhand saßen ca 20 Kinder auf einem Kissen mucksmäuschenstill vor mir im Gras und schauten mich erwartungsvoll an. Um diese merkwürdige Stille zu unterbrechen, fragte ich wer von ihnen englisch verstehe und zu meiner Freude gingen eine Menge Hände etwas zögerlich nach oben. Ich stellte mich also erst einmal vor und erklärte wo ich herkam und dann ging der eigentliche Kurs auch schon los. Es gab eine kurze Einführung zu dem heutigen Thema, die dank der Mitarbeiterinnen gleich parallel übersetzt wurde. Nach einigen Beispielen für Shibori- und Batikmustern ging es dann auch direkt an die Farbeimer. Alle Kinder wuselten eifrig von Tisch zuTisch. Einige kamen mit Nachfragen oder benötigter Hilfe direkt zu mir oder meinen Kolleginnen, andere legten einfach direkt los, probierten aus, und innerhalb von 20 min war der erste Teil der Wiese schon komplett mit gefärbten Stoffen ausgelegt und wurden schon von der Sonne getrocknet. Es war eine absolut dankbare und schöne Arbeitsweise, denn ich selbst konnte auch einige Stoffe färben, den Kindern zur Seite stehen und helfen. Selbst die Sprachbarriere löste sich in Luft auf, ich redete auf englisch, manche Kinder auf tschechisch während andere Kinder mir dies auf englisch übersetzten. Gegen Ende des Kurses kam noch ein Mädchen mit den Worten zu mir, dass ihr der Kurs sehr gefallen hatte und schenkte mir ein kleinen Traumfänger, den sie am Vortag im Workshop gebastelt hatte. Ich war sehr gerührt. Da alle Kinder unsere Ausstellung in der Galerie besichtigt und erkundet hatten, konnte ich noch von ein paar besonderen Erlebnissen der Reise in Peru erzählen. Auch hier saßen oder lagen die Kinder vor mir, stickten weiter an ihren Proben vom Vortag oder lauschten einfach der Stimme, die meine Erzählungen übersetzte. Zum Schluss wurden mir noch die Stickerei- und Färbeergebnisse der Vortage gezeigt, die gezielt zu unseren textilen, ausgestellten Arbeiten entstanden sind. Manche Kinder fragten wie mir ihre Arbeit gefalle oder was sie noch besser machen können. Es war unglaublich, was mir die Kinder im Alter von fünf bis vierzehn Jahren da teilweise schon für tolle Proben und Ergebnisse zeigten. Dann war der Kurs auch schon vorbei und ich verabschiedete mich von allen. Im Gespräch mit den Mitarbeiterinnen sagten sie mir oft, wie dankbar sie waren, unsere Ausstellung in Ostrov gehabt zu haben und sie sich über weitere mögliche Zusammenarbeit freuen würden. Es war schön zu sehen, dass unsere Ausstellung auf so vielen Ebenen für Gespräche sorgte und Inspiration für Neues gab.

Auch wir sind sehr dankbar, dass wir diese großartige Möglichkeit der Ausstellung bekommen haben und mit der Galerie zusammen arbeiten konnten.

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Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Kammerjäger

Swantje

Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Kammerjäger

Viele von euch wissen vermutlich, dass ich so ungefähr drei Kilo Mais in meinen
Rucksack gestopft und aus Peru mitgebracht habe. Dieses ungewöhnliche Material
war eigentlich perfekt für meine künstlerische Auseinandersetzung. Das „Eigentlich“
lässt euch schon vermuten, dass etwas nicht stimmt und deswegen ist das heute
eine Geschichte in der etwas schiefgeht.
Kurzer Rückblick auf die Zeit der Umsetzung. Der schwarze Maiz Morado erschien
mir ideal für die Schwere des Dschungels, die wir in Peru erfahren haben. Während
der Verarbeitung bemerkte ich weißen Flaum und Krümel in der Tüte. Ich vermutete,
dass der Mais irgendwie schlecht geworden war und ich wollte damit kein Risiko
mehr eingehen und bestellte unkompliziert neuen Mais. Diesmal aber versuchte ich
die Körner gleich alle vom Kolben zu trennen, weil ich hoffte dass ich dadurch diesen
Flaum vermeide. Klappte prima und wie ich meine Arbeit letztendlich umgesetzt
habe könnt ihr HIER lesen.
Den ganzen Sommer über waren unsere Arbeiten im Sommerschloss in Ostrov zu sehen
und nun nähert sich der Ausstellungswechsel und alles sollte ins Weisbach‘sche
Haus wandern. Dabei ist jedoch aufgefallen, dass an meiner Arbeit weiße Krümel und Löcher
in den Körnern sind. Das hieß, Krabbeltiere hatten sich daran zu schaffen gemacht.
Die Suchmaschine meines Vertrauens deutete auf Maiskäfer als möglichen Grund. Damit hatte ich nicht
gerechnet- meine Arbeit wird lebendig! Das hat schon seinen Charme, dass mein
dem Dschungel gewidmetes Projekt eine wilde Zutat hat. Die vereinahmende Flora
und Fauna des peruanischen Dschungels begleiteten mich unerwarteter Weise auch in
Deutschland.
Nichtsdestotrotz musste dafür eine Lösung her. Das war der schwerste Teil, denn
ich hatte im ersten Moment das Gefühl, dass es keine einfache Lösung geben wird.
Die Arbeit hat mich über Monate begleitet und war meine meditative Alternative zum
Uni-Alltag. Sie ist genau so geworden, wie ich es mir vorgestellt hatte und ich bin
unheimlich stolz. Jedes Korn ist durch meine Hände gegangen und es hat sich gelohnt.
Und manche Dinge sind schlicht nicht planbar sondern einfach eine Erfahrung,
an der man wächst. Ich hab mich dazu entschieden, für das Weisbach‘sche Haus
eine Alternative oder neue Arbeit anzufertigen. Ich spiele mit dem Gedanken, den
selben Stoff als Grundlage zu nutzen, mit Mais darauf zu drucken und anschließend
den bedruckten Stoff in Streifen zu schneiden und neu auf Paneelen zu ordnen.
Lasst euch einfach überraschen!
Wie ihr seht läuft immer mal wieder was schief, wir stellen oft fest das es noch Dinge
zu verbessern gibt oder andere in den gedanklichen Papierkorb geworfen werden
müssen.
Ein Lächeln kann ich mir trotzdem abringen, denn wer Arbeit nicht im Schloss gesehen
hat, bekommt nie wieder die Chance dazu... ;-)

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Peru in der Spitzenstadt

Luise

Nach der erfolgreichen Ausstellung im Sommerschloss Ostrov dürfen wir euch mitteilen, dass buntesgold vom 17. November bis 13. Dezember  im Vogtland ausstellt! In der Akademiegalerie des Weisbachschen Haus in Plauen haben wir einen perfekten Standort gefunden. Das Weisbachsche Haus wurde 1775 für eine Kattunmanufaktur erbaut. Dort wurde gewebt, gefärbt, gedruckt gesponnen und vieles mehr. Damals war Plauen ein wichtiger und starker Standort für die Textilindustrie und das über mehrere Jahrhunderte. Die Familie Weisbach lebt heute wieder in einem Teil des Hauses. (Solltet ihr das Glück haben, einem der Weisbach-Brüder zu begegnen, scheut euch nicht, Fragen zu stellen. Die Beiden haben viele interessante Geschichten zu erzählen.) Neben Wohnraum bietet das Weisbachsche Haus  Kreativen Begegnungen ein Obdach.: Der Kunstverein Plauen nutzt das alte Gebäude für seine Kurse.

Die Initiative Kunstschule veranstaltet seit 1994 jedes Jahr die Sommerakademie Plauen – Vogtland. Inzwischen habe ich dort schon drei Mal teilgenommen und kann sagen, dass die zehn Tage Workshop wirklich eine Bereicherung sind. Jedes Jahr gestalten die Teilnehmer unter Anleitung eines künstlerischen Leiters ein neues Projekt. Der interdisziplinäre Austausch im Bereich Design, Kunst, Architektur und Medien wird großgeschrieben.

Umso größer ist Freude, dass wir dort in der Akademiegalerie ausstellen dürfen!
Das Weisbachsche Haus liegt unterhalb des Malzhauses, einer Kulturstädte, die Plauen seit langer Zeit belebt und am Abend (wenn ihr die Ausstellung besucht habt) immer für ein gutes Programm reinzuschauen lohnt. Neben der Galerie, ebenfalls am Mühlgraben, befinden sich die Weberhäuser. Auch eine Heimstätte von Handwerk und Textilkunst.
Ihr seht.... ein Besuch lohnt sich auf alle Fälle.

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

Luise

 

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19.09. - Wüste...

Luise

 

Halb sieben Uhr morgens wandern Heda und ich durch die dunklen Straßen. Die Sonne steht noch sehr tief und beleuchtet alles in einem diffusen Licht. Die Frau am Ticketschalter lächelt, als sie uns sieht, wir haben also Eindruck hinterlassen. Mit der Fahrkarte in der Hand laufen wir zum nächstbesten Bus. Der Fahrer wirft uns ein unverständliches Wort entgegen. Wir lächeln nur.

 

„Inglés! Inglés!“, ruft einer der Mitarbeiter lachend. Jemand zum Übersetzen wird angefordert. Doch „Metallic Tower“ versteht er dann doch und wir dürfen einsteigen. Wir setzen uns direkt hinter den Fahrer, um im Notfall Blickkontakt aufnehmen zu können. Auf den flimmernden Bildschirmen läuft ein Animationsfilm… ich schaue mich im Bus um… Kinder sind hier nicht zugestiegen. Es dauert fast den ganzen Film, bis wir endlich losfahren. Nach wenigen Minuten hält der Bus an und die Ticketverkäuferin fährt auf einem Motorrad vor und bringt noch das Wechselgeld vorbei. Der Bus fährt an, um dann wenige Meter weiter wieder anzuhalten. Noch mehr Leute steigen zu. Mitten an der Straße. Heda sitzt am Gang, beobachtet und erzählt mir, was da vorn passiert. Ich protokolliere.

 

Vor dem Bus fährt plötzlich ein Auto ganz dicht. Aus dem Fenster auf der Fahrerseite streckt sich eine Hand und bedeutet unserem Gefährt anzuhalten. Beide halten an und eine Omi steigt die steilen Stufen zu uns hinauf. Ich bin beeindruckt. Wenn ich mal alt bin, will ich auch so eine Ausstrahlung haben. Die kleine Kugel im fein gemusterten Kleid und ölig, weiß zurückgekämmten Haaren mustert den ganzen Bus mit einer Autorität, die sieben Sonnen gefrieren lassen würde. Ihr bohrender Blick verweilt auch eine Sekunde länger auf uns zweien. Dann setzt sie sich rechts von uns auf die andere Seite des Ganges. Der Mann am Fenster direkt neben ihr, zunächst abgelenkt durch den sprechenden Esel im Film, bemerkt die Dame neben sich und ist bemüht nur die Hälfte seines Platzes einzunehmen.

 

In harrschem Tonfall fragt sie den Fahrer:

 

„Wo kommen die zwei her?!“

 

Der Busfahrer, der wieder anfährt, stottert kurz rum:

 

„Die eine aus Deutschland. Die andere weiß ich nicht, was das für ein Land ist.“

 

Wir halten erneut. Ein Mann hüpft kurz raus, drückt einem anderen Mann etwas in die Hand und springt zurück in den Bus.

 

Wir verlassen endlich die Stadt und durchqueren die steinige Wüste.

 

Die Omi verlangt nach Musik. Der Fahrer macht das Radio an. Von hinten beschwert sich jemand über die laute Musik. Das wird aber gekonnt ignoriert.

 

Ich schaue aus dem Fenster. Die Gummierung der Glasscheibe fehlt an einer Stelle und kalter Wind bläst mir ins Gesicht. „Arriba! Arriba!“, singt der Mann im Radio. Es ist einer dieser furchtbar kitschigen Momente mit diesem Freiheitsgefühl in der Brust. Ich bin einmal mehr dankbar für die Welt, dass sie ist, wie sie ist und dass sie mir die Möglichkeit gibt, das zu tun was ich mir wünsche… zum Beispiel einmal um die halbe Erdkugel zu reisen.

 

Der aufmerksame Fahrer lässt uns am Aussichtsturm aussteigen. Wir klettern die stählerne Konstruktion hinauf und bekommen einen Überblick über zwei der Figuren, die Hände und den Baum… ich sehe Linien… in den Boden gegraben. Für mich ist es das selbe Phänomen wie auf Machu Picchu: Ich bin wenig beeindruckt von der Sache die angepriesen wird, kann mich aber in der flachen Landschaft und den düsteren Bergen verlieren. Niemand kennt den genauen Ursprung der bis zu zwei Kilometer langen Geoglyphen. Die Scharrbilder wurden erst in den 40er Jahren weltweit durch Maria Reiche bekannt. Die deutsche Mathematikerin verschrieb sich voll und ganz der Entdeckung und der Erhaltung dieser Linien. In Nazca wird sie beinahe wie eine heilige verehrt. Überall sieht man ihr Bild, überall liest man ihren Namen. Das Museum liegt nur drei Kilometer von unserem Standort entfernt.

 

„Laufen wir!“, rufe ich freudestrahlend. Genau so hab ich mir das vorgestellt. Am Highway entlang durch die Wüste, als einzige Menschen weit und breit. Und es ist noch nicht mal neun. Die Sonne glüht, aber vom kalten Boden weht ein frischer Wind. Links und rechts der Straße ziehen sich Berge aus Kies und Geröll hinauf. Wir laufen immer schön am Rand der Anhöhe, da uns gelb leuchtende Schilder vor angeblichen Landminen warnen.

 

„Das schreiben die doch eh nur, damit niemand auf ihre kostbaren Linien tritt.“

 

Heda dreht sich zu mir um und zieht die Augenbrauen hoch. Telepathisch vermittelt sie mir:

 

„Nein, Luise, wir probieren das jetzt nicht aus.“

 

Die Aufschüttungen werden immer höher und bald gibt es keine Möglichkeit mehr zum Abstieg. (Und Heda lässt es mich auch nicht ausprobieren.) Wir gehen einen Teil des Weges zurück und laufen direkt an der Straße entlang. Ein paar Zweifel hab ich doch, zwischen den Aufschüttungen haben wir keine freie Sicht, was wenn wir doch in die falsche Richtung gehen oder das Dorf, dass wir suchen, gar nicht existiert… ist ja schon mal vorgekommen. Langsam wird es heiß. Das Stativ in meinem Sparkassen-Turnbeutel sticht mir unangenehm in den Rücken. Bei der nächsten großen Reise bleibt es daheim. Heda kann natürlich wieder zuerst über die Berge sehen.

 

„Da vorne ist Stadt! Wir überleben!“

 

Am Maria-Reiche-Museum angekommen, bezahlen wir zwei Tickets. Der Verkäufer lächelt uns an und schaut erwartungsvoll Richtung Eingang. Als wir uns die ersten Tafeln an der Hauswand ansehen, verlässt der Mann sogar sein kleines Häuschen um einen Blick auf die Straße zu werfen. Mit verwirrter Miene kommt er zurück. Heda und ich müssen uns ein Lachen verkneifen. Ja, wie sind die beiden wohl hierhergekommen? Es gab kein Motorengeräusch eines Fahrzeugs, was sie abgesetzt haben müsste. Zu einer Reisegruppe gehören sie auch nicht. Es ist und bleibt ein Rätsel.

 

Das Museum an sich ist in sehr schlechtem Zustand. Es reicht aber dennoch aus, um von dieser Frau beeindruckt zu sein. Ihre aufklärerische Arbeit war immens und das nur mit Messbändern aus Papier und Winkelmesser. Die Arbeit eines ganzen Lebens, einer Leidenschaft und der Aufopferung in diesem Haus zusehen, schafft unheimlichen Respekt.

 

Nach einer kleinen Frühstückspause wollen wir auch wieder zurück. Auf der gegenüberliegenden Seite ist eine Haltestelle… also eine Bank mit einer durchlässigen Überdachung direkt am Straßenrand. Es gibt keine Tafel mit Abfahrtszeiten… nur jede Menge Sandmücken. Während Heda nach dem Bus Ausschau hält, versuche ich im Schatten eines schmalen Holzbalkens nicht zu verdunsten. Es gibt die ersten Anzeichen, dass uns die peruanischen Vibes langsam erreichen. Statt sich in seinem deutsch-neurotischen Hirn aufzuregen, weil man nicht weiß, wie lang man warten muss, wartet man tatsächlich. Der Bus ist da, wenn er da ist. (Auch nach der Reise, ist das die Situation, die mich manchmal vor dem selbst herbeigeführten Kollaps bewahrt. Keine Panik! Alles zu seiner Zeit. Und irgendein Bus fährt immer…)

 

 

 

Als wir wieder in Nazca landen, ist es noch nicht mal zwölf.

 

„Luiseee? Ich will nochmal in richtige Wüste.“

 

Wir gehen also erneut in das sympathische Reisebüro von gestern und schildern unser Anliegen. Nach kurzer Besprechung lassen wir uns auf eine vier Stunden Tour am Nachmittag ein. Wenn das die einzige Möglichkeit ist, dann muss es halt so sein.

 

Um zwei sind wir also am Treffpunkt. Der monströse Wüsten-Rover steht schon bereit. Heda schafft es, sich direkt neben den Fahrer zu setzten. Erste Reihe. Ich pflanze mich daneben und will mich schon anschnallen. Da fuchtelt der Fahrer/Guide und bittet uns die Plätze zu tauschen. Was ist sein Problem? Hat der Angst, dass ich während der Fahrt rausfallen oder wie? Der Typ ist mir auf Anhieb unsympathisch. Lederjacke und Fliegerbrille… ich denke mir meinen Teil. Als alle sitzen geht es auch schon rasant aus Nazca hinaus. Heda beugt sich zu mir.

 

„Ist es bedenklich, dass nur Fahrer Helm trägt und wir nicht?“

 

Der Motor röhrt und es peitscht uns ein unangenehmer Wind ins Gesicht. Außerhalb der Stadt wird es noch schlimmer. Es ist sicherlich noch kein richtiger Sandsturm, aber es ist unangenehm genug, sodass wir uns Tücher vor das Gesicht binden müssen, um nicht ständig Sand husten zu müssen.

 

 

Erster Zwischenstopp: Ein Aquädukt… mehr verstehe ich auch nicht. Die englische Aussprache des Guides ist so schlecht, dass ich kein Wort verstehe. Schließlich wechselt er komplett ins Spanisch. Toll, jetzt muss ich wieder selber recherchieren, wenn ich daheim bin… Nach seinem Vortrag löst sich die Gruppe auf. Der Guide dreht sich zu mir.

 

„I can make the photo!“sagt er und greift wie selbst verständlich nach meiner Kamera. Mit einem Sprung und einem unterdrückten „Ey, Alter!“ stehe ich in kürzester Zeit zwei Meter von ihm entfernt. Warum?! (Erst später stelle ich fest, dass sich die anderen Touristen neben dem großen Loch im Boden fotografieren lassen. Er wollte mir also nicht die Kamera klauen.)

 

 

Zweiter Zwischenstopp:

 

Jetzt sind wir richtig in der Wüste. Überall nur Sand. Wir steigen an einer alten Tempelanlage aus. Der zweite Guide probiert es erst gar nicht mit Englisch.

 

„You have five minutes for photos! Then come back!”, das bekommt er noch hin. Der Wind ist inzwischen so stark, dass man aufpassen muss nicht umgeweht zu werden. Die Selfie-Menschen gehen mir dezent auf den Nerv. Die Ganze Zeit hängen die Mundwinkel auf Kniehöhe. Sobald aber die Kamera gezückt wird, posen sie in freudig-enthusiastischer „Ich bin frei“- Haltung. Danach hängen die Mundwinkel wieder.

 

 

Dritter Zwischenstopp:

 

Die Grabstätte… darauf habe ich mich am meisten gefreut. Hinter zwei riesigen Dünen halten wir an… mitten im Nirgendwo. Ich kann nichts entdecken, nur die zwanzig winzigen Aufschüttungen. Und davor ein Steinkreis gefüllt mit einem Häufchen kalkweißer Schädel, teils noch mit Haar und Haut. Grabbeigaben befinden sich zerbrochen dazwischen. Es wirkt sehr unecht, wie das hier verloren in der Wüste liegt. - Ohne Absperrung, Wetterschutz und ohne Eintrittskartenbeauftragten. Einzig eine blau gestrichene Mauer weißt auf diesen archäologischen Fund hin.

 

 

Endstadion bilden die weichen Sanddünen, die wir zunächst mit dem Rover auf und abfahren. Wie in der Achterbahn jubeln die Menschen hinter uns. Heda hält sich am Fahrgestell fest, während sie etwas auf Tschechisch murmelt. Und während die Selfie-Fanatiker sich zum „Sandboarding“ bereitmachen, nutzen Heda und ich die erste Gelegenheit und klettern die Düne weiter hinauf. Der Ausblick ist fantastisch. Der Sand wirft leichte Wellen. Wie fließender Staub zieht der Wind feine Körner über den Boden. Die Sonne steht schon tief. Heda und ich setzen uns in den Sand. Wir sind in der Wüste. Vor einer Woche noch schritten wir durch den Dschungel, kämpften etwas später gegen einen Hagelsturm auf dem Regenbogenberg und jetzt zerkratzten uns heiße, sandige Winde das Gesicht. Es gibt einen kurzen emotionalen Moment zwischen uns Zweien. Ich bin wie immer überfordert mit der Situation und wechsle schnell das Thema.

 

„Heda, hörst du das?... Es ist still!“ Kein Geräusch, kein Autohupen, kein Grillengezirpe, kein Hühnergegacker.

 

„Ich glaub, hier muss ich bleiben.“

 

Die Sonne verschwindet hinter ein paar winzigen Wolken und plötzlich wird es bitterkalt. Wir gehen zurück zum Rover.

 

„Please put your jacket on.“ Er schaut mich an. Ich starre zurück… „Please.“ Jetzt macht er auch noch einen Schmollmund?! Wie alt bin ich? Fünf? Heda lacht über meinen angesäuerten Gesichtsausdruck, als ich mir den Pulli überstreife. Im Gefährt sitzend, bietet er mir noch eine Daunenjacke an. Widerwillig ziehe ich sie drüber. Heda, die blöde Kuh, kommt aus dem Giggeln nicht mehr raus.

 

Aber auf der Rückfahrt straft mich meine „Lass mich, das geht schon“-Mentalität. Der Wind peitscht und meine blanken Beine werden knallrot. Im Laufe der Fahrt bittet er mich auch noch, die Jacke richtig zuzumachen, also jetzt wird’s langsam peinlich. Den Schal im Gesicht, rinnt mir die Rotze unaufhörlich, meine Ohren sind gefroren und drohen jeden Moment abzufallen. Erst als wir die Wüste verlassen, strahlt die Asphaltstraße etwas Restwärme ab.

 

 

 

In der Dunkelheit erreichen wir das Hostel. Auf die Fragen der Anderen, wie unser Tag so war, können wir nicht so richtig antworten. Worte wie „gut, schön, krass, anstrengend, cool“ fallen ungeachtet.

 

Im Nachhinein weiß ich… es war kein guter Tag… es war der Beste.

 

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

Luise

 

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18.09. - Mein Mentor

Luise

 

18. 09. 2017

 

„Luise, ich will zu Nasca-Linien!“, lautet Hedas Ausruf! Magda, Fabi und Swantje widmen sich beflissen ihren Skizzenbüchern, aber ich hab´ schon wieder Hummeln im Hintern. Voll motiviert starten Heda und ich zu zweit. Unser Ziel ist klar. Die Nasca-Wüste, aber ohne den üblichen Touriquatsch! Es stellt sich heraus: Das ist gar nicht so einfach. Was sich noch herausstellt: Hier spricht niemand Englisch. Genau genommen suchen wir nur einen Bus, der uns zum Aussichtsturm der Nazca-Linien bringt. Wir klappern verschiedene Reisebüros ab. Mit Händen und Füßen, auf Englisch, Deutsch, Tschechisch, Bulgarisch und den etwas Spanisch verlaufen unsere Gespräche immer gleich:

 

Nein, wir möchten keinen Rundflug über die Nazca-Linien.

 

Nein, wir möchten keinen Rundflug.

 

Wir möchten zum Aussichtsturm.

 

Nein, wir möchten keine durchgeplante, Allround-Tagestour.

 

Nein, wir möchten keinen Rundflug.

 

Wir möchten mit dem normalen Bus fahren.

 

Nein, wir wollen kein Touristenpaket.

 

Wir möchten mit dem Bus fahren, mit dem auch die Einheimischen fahren.

 

Ab da endet die gestenreiche Konversation immer. Ist auch verständlich, schließlich verdienen die Leute dann auch nichts mehr an uns. Irgendwann finden wir aber eine nette junge Frau, die mit unserem Kauderwelsch konform geht und uns ein Busunternehmen empfehlen kann. Sie erklärt uns wo wir hinmüssen und wir brechen auf. Nach einer kleinen Odyssee finden wir auch das Busunternehmen. Groß und fett prankt der Schriftzug „Soyus“ als Aufkleber an den Bussen. Am Schalter geht der Tanz wieder von vorn los.

 

Wir wollen zu den Nazca-Linien. Zum Aussichtspunkt? Morgen früh. Zu zweit. Zu den Linien. Morgen früh. Aussichtspunkt? Zwei Personen?... Ich weiß nicht mehr wie, auf jeden Fall schaffen wir es zwei Tickets für die Busfahrt zu erstehen. – Für ganze drei Sol… nichts im Vergleich zu den 60 Sol im Reisebüro. Wir verlassen das Terminal. Heda schüttelt mit einem Blick auf die parkenden Busse nur mit dem Kopf.

 

„Nach zwanzig Jahre Demokratie und ich fahr mit Soyus…“

 

Wir wandeln auf dem Weg zum Archäologiemuseum durch die sandigen Straßen. Überall gibt es kleine Märkte, ausgetrocknete Brunnen und einen fotoaffinen, älteren Herrn. Erst beobachtet er mich beim Filmen. Ich lächle ihn an. Er grinst zahnlos zurück und fragt mich wo ich her komme. (So viel verstehe ich noch.) Alemania, sag ich.

 

„ALEMANIA!“, wiederholt er und hebt freudig die Arme. Dann deutet er auf die Kamera, dann auf sich.

 

„Ich soll Sie filmen?“, frag ich auf Englisch. Verstehen tut er mich nicht, ist aber auch egal.

 

Ich drücke auf dem Aufnahmeknopf und warte. Es passiert nichts, der gute Mann bewegt sich keinen Zentimeter.

 

„Do you wanna say something?“ – Keine Wirkliche Reaktion.

 

“Greetings to Alemania… something?”

 

“Alemania.”, wiederholt er.

 

Ich beende die Aufnahme.

 

„Gracias!“, sage ich noch und weiß jetzt nicht, was ich tun soll. Ich finde es unhöflich mich jetzt einfach umzudrehen und weiterzugehen. Ich laufe also rückwärts, lächelnd nickend weiter zu Heda, die ich schon die ganze Zeit kichern höre. Der kleine Peruaner steht immer noch dort als hätte ihn die Kamera jetzt für immer an diesen Platz gebannt. Ich winke ihm zum Abschied zu. Vielleicht war er das: Mein Seelenführer, mein Guru, der mich auf all das vorbereitet, was mich im Leben noch erwartet. Ich schaue zu Heda, die gerade das Museum entdeckt hat und aufgeregt Richtung geradeaus fuchtelt. Mhm… nee, ich habe doch schon meine mystische Mentorin an meiner Seite.

 

Das Museo Didactico Antonini präsentiert sich erstmal durch eine große, weiße Mauer mit dunkelrotem Sockel, direkt gegenüber der Choleraimpfstelle für Schweine.

 

Das Museum ist klein. Am Eingang erhalten wir von einem mürrischen Ticketverkäufer zusätzlich noch einen schmierigen Hefter mit englischen Übersetzungen. Es wird die ganze Bandbreite der peruanischen Archäologie aufgezogen. Keramik, Textilien und Mumien. Von der NAZCA-Ausstellung in Lima angefixt, liegt mein Augenmerk wieder auf den morbidesten Präparaten. Mumifizierte Schädel, aus deren Stirn ein Strick hängt. Mit verstochenem Mund und geschlitzter Haut, ziehen mich diese Trophäen längsvergangener Zeit genauso sehr an, wie sie mich abstoßen. Heda lacht wieder über meine Faszination.

 

„Was denn?!“, meckere ich nur beleidigt. „Da ist auch Textil dran.“

 

 

 

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

Luise

 

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BUNTES GOLD - Peru aus der Sicht von zeitgenössischen Textilkünstlerinnen

Es ist soweit! Seit unserer Rückkehr aus Peru haben wir fleißig an unseren Projekten gearbeitet und werden sie nun mit euch teilen!

 

Wir haben die große Ehre im Lustschloss von Ostrov (bei Karlsbad in Tschechien) ausstellen zu dürfen. Dies ist eine herzliche Einladung an alle, die Lust haben, bei der Eröffnung am 21. Juni um 17 Uhr dabei zu sein. 

Neben den textilen Projekten werden ausgewählte Fotos und unsere visuellen Reisetagebücher zu sehen sein. 

Außerdem feiert der Film von Luise seine Premiere! 

 

Habt keine Angst vor der Anfahrt, Tschechien klingt erstmal weit, ist aber näher, als ihr denkt! Meldet euch gerne bei uns, wenn ihr keine Möglichkeiten habt, selbst zu fahren. Wir werden versuchen, Mitfahrgemeinschaften zu organisieren!

Auf Facebook und Instagram wird es regelmäßig Updates geben,

aber auch Fragen nehmen wir jederzeit gerne entgegen.

17.09. - Große Menschen in Nasca

Luise

 

Beim nächsten Erwachen geht gerade die Sonne über dem wüstenähnlichen Gebirge auf. Gern hätte ich gefilmt, aber meine Arme fühlen sich an, als hätte ich die ganze Nacht Gewichte gestemmt.

 

 

In stiller Demut und dem Gefühl, heute Nacht die Welt tatsächlich aus den Angeln gehoben zu haben, genieße ich den Anblick der Wüste. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich noch gar nichts darübergeschrieben habe, warum wir überhaupt in Nazca sind. Es ist nicht nur ein geografischer Zwischenstopp, der uns davon abhält auf der 22 stündigen Rückfahrt gänzlich dem Kurvenkoller zu erliegen. – Nein, Nazca steht für vieles zugleich:

 

 

Die Provinz Nazca – eine der trockensten Regionen der Welt direkt am Pazifik, mit der Hauptstadt Nazca, die nach dem Fluss Nazca benannt wurde und ebenfalls die Nazca Ebene mit der Nazca-Wüste enthält. In der Nazca-Wüste, der Nordausläufer der Atacama-Wüste wiederrum befinden sich… kaum zu glauben: Die Nazca-Linien, von denen jeder schon mal gehört hat und die auch in jeder Verschwörungstheorie ihren Anklang finden..

 

 

Sand, Hitze und Mysterium… da kann man nicht einfach vorbeifahren…

 

 

Am Busbahnhof ausgestiegen, werden wir von einem Dutzend Menschen bestürmt. Bewaffnet mit den gefürchteten Klarsichthüllenordnern, wollen sie uns zu einem Rundflug über die Nascalinien bekehren. Anscheinend sind wir die einzigen Touris hier. Uns drängt es zwischen der Meute hindurch zum Hostel. Was sich mal wieder als „complicado“ erweist. Ungewaschen und frustriert hetzen wir von Straße zu Straße. Trotz der Eile nimmt uns das Flair dieser Stadt sofort ein. Nazca ist ein ruhiger Ort. Alte Männer auf kleinen Wägelchen, flache, helle Häuser und eine Affenhitze. Wir schleppen uns zum Hostel. Den Göttern sei Dank dürfen wir schon unsere Zimmer beziehen. Es ist 8 Uhr morgens und wir sind alle ziemlich durch. Nach einer eiskalten Dusche, kann ich endlich mein eines Sommerkleid anziehen, dass ich seit 10 000 Kilometern mit mir herumschleppe. Das war auch der letzte Inventargegenstand, den ich noch nicht benutzt hatte.

 

 

Der Hunger treibt uns in die Stadt und die schönen Restaurants und Cafés entdecken wir erst, nachdem wir uns schon an einem Imbiss einen lauwarmen Smoothie und ein mittelwarmes Avocadobrötchen gegönnt hatten. Es ist Sonntag und die Stadt ist sehr belebt. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen hier noch kleiner sind, als in den Großstädten. Viele Frauen gehen mir gerade mal bis zu Schulter… ein merkwürdiges Gefühl.

 

Im Allgemeinen geht es hier auch weniger touristisch zu. Unscheinbare Souvenierläden und Reisebüros, die Flüge über die Nazcalinien und Buggyfahrten durch die Wüste anbieten. (Was für´n Scheiß, denke ich mir für den Moment noch.)

 

 

Unser Mädelstrupp wird förmlich von der männlichen Belegschaft verschlungen. Und Heda braucht besonders lang beim Einkaufen. Sichtlich genervt kommt sie aus dem Laden.

 

„Die mussten sich erstmal in Bäckerei versammeln, um zu gucken, wie so eine große Frau aussieht!“

 

Mit tausend Liter Wasser im Gepäck geht es zurück zur Unterkunft. Wir setzen uns auf die Dachterrasse und atmen zum ersten Mal seit dieser Reise so richtig durch. Die letzten Wochen waren anstrengend und ruhelos gewesen. In der Wüstenstadt haben wir nun endlich die Möglichkeit, alle Eindrücke zu verarbeiten ohne gleich zum nächsten, großen Event zu hetzen… (zumindest dachte ich das…)

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

Luise

 

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16.09. - Busbahnhoferotik und Schwerelosigkeit

Luise

 

Der letzte Tag in der Stadt mit den blauen Türen gestaltet sich als Packtag.

Die Fahrt nach Nazca ist der Probelauf für unseren Rückflug. – Zwecks Gepäckmaß und Gewicht. Nachdem ich die überflüssigen Kosmetika an die Hostelrezeptionistin verschenkt habe und die Flasche Dschungelflusswasser wegschütte, die ich in einem Anflug esoterischer Nostalgie eingesteckt habe, bin ich guter Dinge, dass ich alles unterkriege. Eigentlich ist geplant, sämtliche Klamotten übereinander zu ziehen, aber zu meiner Freude passt doch alles in den Rucksack. Die anderen schaffen es sogar das Übergepäck auf eine große Tüte zu reduzieren. Jeder nutzt die verbleibende Zeit und erkundet die schöne Stadt auf seine Weise. Ob Friseurbesuch, Buchladen oder anderes… inzwischen bewegen wir uns schon sehr sicher in der Stadt. Zu schade, dass wir wieder fahren müssen. Zumal es uns schon vor der Busfahrt graut. Diesmal sind wir nur vierzehn Stunden unterwegs. Trotzdem bin ich mir sicher, dass eine intravenöse Versorgung mit Coffein und Dimenhydrinat unumgänglich ist. Verpflegung haben wir nicht eingepackt… kommt ja eh wieder alles oben raus.

 

 

Irgendwann ist es auch 18 Uhr und wir fahren zum Bahnhof.

 

„Sie haben keine Berechtigung für Übergepäck!“, lautet die Aussage des Gepäckstückbeauftragten an der Abgabe. Magda beginnt auf ihn einzureden.

 

„Sag ihm doch einfach, dass er die paar Kilo auf uns Fünf aufteilen soll!“, meine ich in meinem undiplomatischen Pragmatismus. Magda winkt ab.

 

„Ich mach das schon.“, sagt sie und lächelt.

 

Heda haut mir in die Seite.

 

„Luise, Brust raus!“

 

Ich bin so verwirrt, dass ich gehorche.

Das Ende vom Lied: Der gute Mann lädt all unsere Gepäckstücke ein, ohne sie zu wiegen…

 

 

 

Die Fahrt gestaltet sich um einiges entspannter, als die Exclusiva–Fahrt nach Cusco. Die ersten Stunden verbringe ich damit, eine Position zu finden, die meine geprellte rechte Seite irgendwie atmen lässt. Es ist ertragbar. Erst zur mitternächtlichen Stunde bemerke ich auch nur den Fahrerwechsel, als in einer rasanten Linkskurve mein Hintern, durch die Embrionalstellung nach außen gestreckt, plötzlich an Höhe gewinnt. Mein Gesicht wird bei guten 4g in den Sitz gepresst. Noch völlig verschlafen, versuche ich mich an Irgendetwas festzuhalten. Die 180 Grad Kurve scheint endlos… bzw folgen wieder viele aufeinander… Die kurzen, geraden Strecken, geben mir immer wieder die Möglichkeit, aus dem muffig riechenden Sitz aufzutauchen und Luft zu holen. Ich schaue neidisch nach links: Fabi schläft tief und friedlich, schließlich klemmt sie in den viel zu kleinen Sitzen fest und sicher.

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

Luise

 

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13.09. - Dschungelblues...

Luise

 

Früh morgens weckt mich wieder die Kälte. Die Restwärme aus dem Dschungel ist nun endgültig verflogen. Um sieben soll unsere Wäsche zum Waschen abgeholt werden. Einen Luxus, den wir uns jetzt einfach mal gegönnt haben. Nach vier Tagen feucht warmen Mückenspray-Sonnencreme-Pudding schafft es keine Handwäsche uns das Gefühl von Sauberkeit zurück zu geben.

 

Ich sitze also im Wohnzimmer und mache meine übliche Dokumantationsarbeit, sichere die SD-Karten und ärgere mich über das scheiß-beschissene... über das Kartenlesegerät, dass wieder mal rumspinnt. Draußen findet schon wieder ein Umzug statt. Was mich sonst mit exotischer Freude erfüllt hatte, klingt heute nach Menschen gemachtem Unsinn.

 

7:40 Uhr klingelt es und ich bringe die Wäsche nach unten. Ein peruanischer Hipster nimmt sie entgegen. Seine westliche Erscheinung und sein flottes Englisch verwirrt mich total. Viel zu spät merke ich, wie ich ihn anstarre... und dass ich keine Kamera in der Hand habe, die mein Gebaren rechtfertigen würde. Er lächelt mich an, als würde er auf eine Antwort warten. Ich entschuldige mich, erzähle ihm vom Abenteuer unseres Lebens. Ob er die Frage nochmal wiederholen könne, ich sei leicht erschöpft. 18:00 Uhr bringt er die Wäsche wieder, sagt er... hoffentlich geht dann jemand anderes an die Tür.

 

 

 

Es folgt ein depressiver Tag. Keiner will sein Bett verlassen. Fabi, Swantje und ich raffen uns zumindest auf, einkaufen zu gehen. Alle nöhlen rum. Rufen theatralisch nach Lucio und Clewer... es ist schon etwas peinlich.... zum Glück muss das ja niemand erfahren. Der Tag wird aber auch nicht besser. Die Geräuschbelästigung im malerischen Cusco sorgt für unlautere Gesten. Das Gefühl der Ruhe und Erdung ist verschwunden. Wir leiden alle an einem emotionalen Kater, den wir nicht verbergen können.

 

Melancholisch einkaufen.

 

Melancholisch Essen machen.

 

Melancholisch ausruhen.

 

Wir sind völlig fertig.

 

Fabi braucht verdächtig lange im Bad. Ich klopfe an die Tür.

 

„Fabi? Alles ok?“

 

„Ja, wieso denn?“

 

„Na nich, dass du dich im Klo ertränkst.“

 

Sie schluchzt: „Nee-ee-eiiiiiin, dafür für bin ich zu groo-o-oß!“

 

 

 

Ob wir uns je wieder erholen werden? Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

Luise

 

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Textile Fotos - Projektvorstellung von Magdalena

Während der gesamten Reise durch Peru hatte ich eine Kamera bei mir. Wenn es nicht die Spiegelreflexkamera war, hatte ich mein Handy zur Hand. Mir ist nach einer gewissen Zeit aufgefallen, dass ich nahezu alle beeindruckenden Erlebnisse mit dem Fotoapparat festgehalten habe. Seien es Muster, Begegnungen, Farbkombinationen oder Flora & Fauna. Wenn ich die SD Karte durchschaue, habe ich gleichzeitig einen ziemlich genauen Ablauf der Reise und Erinnerungen vor mir.

 

Vor der Reise bin ich mit dem Ziel los geflogen, die erhaltenen Eindrücke zu filtern und in abstrahierter Form mithilfe textiler Techniken wiederzugeben. Geändert hat sich dieses Ziel insofern, dass ich die Eindrücke gar nicht mehr filtern möchte. Jedes Erlebnis steht für sich und muss nicht zu einem „Stück“ zusammengebracht werden. Die Inspirationen waren während des Aufenthalts so üppig, dass ich manchmal froh war, sie vorerst visuell speichern zu können und sie später wieder aufzurufen.

 

Besonders beeindruckend fand ich die verzögerte Offenheit der Menschen in Peru. Wenn wir auf einzelne Menschen zugingen und Fragen hatten, wurden wir oft etwas grimmig beäugt oder sofort mit Touristenangeboten überhäuft, sobald wir aber zwei bis drei Sätze gewechselt hatten und von unserem Projekt erzählten, hellten sich die Gesichter schlagartig auf, wir wurden ernst genommen. Sofort wurde uns Hilfe angeboten und wir bekamen verschiedene Tipps. Die Herzlichkeit war spürbar. Generell ist die Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit der Peruaner sehr bemerkenswert. Außerdem haben mich die Menschen und die Schönheit der Natur im Dschungel tief berührt und inspiriert. Alles schien seinen natürlichen Gang zu gehen, alles schien einfach und doch so logisch miteinander verknüpft. 

 

Für die Umsetzung meiner „textilen Fotos“ habe ich mit der Technik Lavendeldruck gearbeitet. Mit Hilfe von Lavendelöl lässt sich die Druckfarbe vom Papier ablösen und auf Stoff übertragen. Natürlich ändert sich das Erscheinungsbild, es wird blasser. Die Erinnerung an die jeweiligen Situationen werden auch blasser. 

Ich habe mir einzelne Elemente auf den Fotos herausgesucht, die ich besonders spannend finde und diese durch händische Stickerei betont. Dadurch werden die Erinnerungen einerseits für mich wieder wacher, andererseits kann ich sie nun auch mit euch teilen – mit meiner eigenen Note versehen. 

Dschungel ohne Dschungel

Swantje

Die Tatsache, dass wir drei Beiträge brauchten um die Eindrücke aus dem Urwald zu umschreiben zeigt, dass was für eine große emotionale Bedeutung er hat. Mein Gott ich hab mir sogar ein Dschungel Tattoo in Peru stechen lassen! Das durfte Luise damals natürlich nicht schreiben, denn das wollte ich meiner Mutter doch gerne selber sagen und zeigen. Mehr Einsatz für den Dschungel geht ja nun gar nicht. Meine Projektidee hat sich daher nach diesem Ausflug verändert. Wer sich erinnert- mein Idee war ursprünglich die zeichnerische Auseinandersetzung mit den Peruanern. Und obwohl wir genug Erlebnisse mit den Einheimischen hatten, stützten diese sich jedoch auch auf Gespräche oder Auto- fahrten. Nichts was ich wirklich zeichnerisch erfassen konnte, was zum Teil auch an der Gesamtheit der überwältigen Eindrücke lag. Daher entschied ich mich, zurück in Deutschland, unsere Dschungel-Erfahrung als Thema für meine Arbeit zu wählen. Das war für mich auch die beste Kombination aus Natur und Mensch. Alle die wir trafen waren so richtige Charakter-Typen, passend zu dieser einmaligen Landschaft.

Auch unser Dschungel-Blues nach Abreise, zeigte nur allzu deutlich wie wir unser Herzen an den Parque Manu verloren hatten.
Im 7. Semester (2016) hatten wir als Aufgabe uns mittels der Technik des Scherenschnitts einem Thema zu nähern. Ich entschied mich damals für ein Dschungel-Thema. Aus einer einzigen Blatt-Sorte kreierte ich unzählig viele verschiedene Formen, die für mich den Dschungel repräsentierten ohne das ich jemals da gewesen war. Als wir dann im September im Parque Manu einen Spaziergang zum Fuß des Cloud Forest machten, bemerkte Magda lachend zu mir während ich eine Pflanzenwand fotografierte: „ Jetzt nochmal den Scherenschnitt vom 7. Semester machen, was?“. Recht hatte sie.
Am Tag bevor wir nach Nasca aufbrachen, überredete Heda mich Mais einzukaufen um aus diesen kleinen Körnchen etwas für mein Projekt zu schaffen. Ich fand die Idee klasse denn Mais lächelte uns an jeder Ecke an. Auch auf jeder Busfahrt bekamen wir das National-Dessert aus schwarzem Mais serviert. Also was soll´s , einfach mal mitnehmen und schon musste ich in meinem Rucksack platz für drei Kilo Mais schaffen.
Aus diesen zwei kleinen Anekdoten entwickelte sich meine Projektidee. Ich wollte meine eigenen Dschungel-Entwürfe aus der Pre-Peru Zeit mit meinen neuen Eindrücken verbinden. Momentan bin ich also dabei auf meinem bedruckten Stoff ein Wirr-Warr aus schwarzen Mais zu legen. Jedes Korn sammle ich von den Kolben ab und jedes sieht anders aus, mal mit spitzem Ende oder Kerbe in der Mitte. Satte schwarze Körner auf dunklem Stoff- Schwer und total verschlingend, wie der Dschungel.

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Benutz doch Pink!

Luise

Die Luft ist warm und feucht. Meine Haare haben jede Form verloren und ich schwitze. Die Hände und Nägel sind blau und rau. Immer wieder wische ich mir über die Stirn, schalte das Licht an und aus, bügle trocken und tauche den Stoff in den nächsten Sud.

Ich stehe in meiner improvisierten Färbeküche.

Den Hobby-/Werkstatt-/Party-/Lagerraum in meinem Elternhaus habe ich mit schwarzen Müllsäcken verkleidet und den Boden mit Folie ausgelegt. Nichts darf nach meinem Verschwinden darauf hinweisen, dass ich hier gewesen bin und schon gar kein bunter Fleck Textilfarbe. Es ist so warm in dem kleinen Raum und ich bin dankbar dafür, denn draußen sind minus zwanzig Grad. Das Bügelbrett, völlig durchnässt, biegt sich schon durch. Plötzlich geht die Türe auf. Mit finsterer Miene blicke ich vom dampfenden Färbetopf hoch. Wer stört denn jetzt wieder meine Kreise?

Essen, Schlafen, Hund und Klo. – Das sind die einzigen Gründe, warum ich diesen Raum verlasse.

Und ich genieße das!

 

Aber bis ich wirklich so weit war und mich dem Farbenrausch so richtig hingeben konnte, verging einige Zeit.

Wenn sich Südamerika, respektive Peru in einer Sache zum europäischen Standard unterscheidet, dann ist es die Farbgebung und Farbwahrnehmung. Das war schließlich auch einer der Beweggründe gerade dort hinzufliegen. Es ist nicht schwer eine Affinität für die klaren, satten Farben der Peruaner zu entwickeln.  Auf ihrer dunklen Haut und mit ihren schwarzen, dicken Zöpfen wirken die Andenfrauen beinahe unecht illustriert. Die einheimischen Pflanzen machen es möglich derart strahlende Farben zu erzeugen. (Obwohl ich mir uneins bin, wieviel Pigment auf pflanzlicher Basis heutzutage tatsächlich noch verwendet wird.) Es waren zunächst Gedankenspiele, die mich hier als Textiler beschäftig haben, hatte ich doch mein Filmprojekt auf das ich mich konzentrieren sollte. Es war kein textiles Projekt geplant…

 

Im Bänderladen war es schließlich um mich geschehen: Bis zur Decke war der kleine, enge Raum mit Regalen voller bunter Konen bespickt. Mit leicht genervten Blick, aber mit süffisantem Grinsen, räumt der junge Verkäufer die Konen auf die Theke und ich suche heraus. Und das sollte nicht der letzte Laden gewesen sein…

Um Platz für den Rückflug zu sparen, nähte ich die Bänder alle auf meinen Hut… eine clevere Idee, die so bescheuert aussah, dass es nicht mal ein Foto davon gibt. Zum Glück habe ich die vierundzwanzig Bänder wieder abgemacht. Am Flughafen wurde ich schon einem Drogentest unterzogen, wer weiß, was sie gemacht hätten, hätte ich mit diesem kiloschweren Kopfzylinder das Flugzeug besteigen wollen… vermutlich hätte man mich dann einfach dortbehalten.

 

Die gewebten Bänder waren sorgfältig ausgewählt. Jede Farbstimmung sollte mindestens einmal vertreten sein. Ich beschloss nicht nur nach Gefallen zu entscheiden, sondern das volle Farbspektrum auszunutzen… man ist schließlich nur einmal in Peru.

Bei der Analyse wieder in Deutschland fiel mir eins ganz deutlich auf (und nicht nur mir): Die Farben, zehntausend Meter entfernt – fröhlich, stark und schön – wirken hier im tristen Westen überzogen, naiv und kitschig.

 

Da wurde mir klar. Ich möchte einen Weg gestalten. Einen Weg aus Bändern. Ich brauche keine Worte dafür, nicht wie im Tagebuch oder im Film. Ich möchte nur die Farben sprechen lassen. Farben, die ich in Peru für mich entdeckte und die sich dann langsam mit meinen Farben vermischen. Zum Schluss entstehen Bänder, raumfüllend – knapp drei Meter hoch, die meine Farben zeigen… meine neuen Farben… das neue Selbst nach dieser Reise.

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Frauen in Peru – Mein Thema zum Weltfrauentag :-)

Heda

Eigentlich wiedermal ein witziger Zufall, dass ich euch heute mein Projekt vorstelle.

Wenn ich an den Zeitpunkt von vor einem Jahr denke, sehe ich große Aufregung, Freude, Erwartungen und auch Sorgen mit denen wir unsere Reise vorbereitet haben.

Einige Freunde haben mir abgeraten: "Das könnt ihr doch nicht machen! Frauen allein, wenn ihr wenigstens einem Mann dabei hättet!"

Das „Frauenthema“ hat sich von Anfang an in meine künstlerische Verarbeitung eingefügt.

Wir als Frauen unterwegs in einem Land, das ab und zu über Vergewaltigungen berichtet, über unglaublich große Unterschiede zwichen Männer- und Frauenrechte, sogar über Entführungen von junge Frauen ins Ausland. Ich kann es jetzt zugeben: Ich bin schon mit Sorgen um die Mädels hingeflogen... und um mich auch. -  Ob ich da, im Fall der Fälle, die richtige Entscheidungen treffen kann. Ja ja, es sind alles Erwachsene, trotzdem ist man als älteste in der Gruppe ein bisschen anders unterwegs. Vieleicht auch deswegen habe ich  schon vor unserer Reise ganz viel über das Leben peruanischer Frauen recherchiert. In meinem Rucksack hatte ich fünf Adressen von internationale Hilfsorganisationen (Ja, meine lieben bunt goldigen Mädels!), wo wir um Hilfe hätten bitten können. Deutsch, tschechisch - alles was ich gefunden habe. Ich bin sehr glücklich, das wir die nicht gebraucht haben. Genau im Gegenteil, immer wieder überfällt mich das Gefühl, dass wir mit einer Wolke Zuneigung und gutem Wind im Rücken geflogen sind. Geschützt und gesegnet. Schon dieser Fakt, dass wir keinerlei Probleme mit Krankheiten, Diebstahl , streikender Bahn oder andere Unannehmlichkeiten hatten, ermöglichte uns volle Konzetration auf das hier und jetzt. Die volle Wahrnehmung... eines neuen Landes, fremder Menschen und dem Umgang der Menschen untereinander. Es entging mir nicht, dass es viel mit Frauen zu tun hat.

 

Auf einer Seite Männer, die Autos fahren. - Auf der anderen Frauen, die die Autos waschen dürfen. – scheinbar Frauenarbeit.

 

Auf einer Seite schnell laufende junge Frauen am Abend - mit Blick zum Boden. Auf der Flucht vor betrunkenen, jungen Männern. - Auf der anderen eine unglaubliche Hochachtung der Mutter oder Grossmutter im Rahmen der Familie.

 

Auf einer Seite überarbeitete Frauen schlafend an ihrem Marktstand. - Auf der anderen glückliche, rüstige, tanzende Omis mit wahnsinnigem Sexapppel auf dem Tanzparket.

 

 

Und dann gehe ich mein Tagebuch und meine Photos durch und wieder tauchen die Frauen auf. Diesmal in einer focusierten Situation. Alle meine Bilder sind Schnappschüsse auf der Straße in Lima, in Cusco, in den Bergen zum Dschungel. Ich schau mir sie an und in meinem Kopf spielen sich Geschichten ab. Und es reizt mich diesen Frauen ein anderes Leben zu geben oder der Situation einen Witz zu verpassen. So bekommen diese Photos neue Interpretationen. Das ist ein Dialog, den ich mit dem Beobachter führen will.

 

Zum Beispiel wenn die Mutter, die sich Zeit nimmt für ihre Kinder, mittendrinn beim Einkaufen eine Gloriolla verpasse. - Das Bild der peruanischen Mutter ist so für mich vollkommener als alles andere.

 

Oder eine Frau auf dem Markt, die den schwarzen Mais liebvoll in den Korb legt. Ich verwandle den Mais in Gold. Den Mais, aus dem für uns ungewöhnliche Süßigkeiten und Getränke gemacht werden, der bei keinem Fest fehlt und der auch als Schmuckobjekt immer wieder auftaucht.

Bei anderen Bilder lade ich euch einfach in meine Geschichtenwelt ein… Lege sie unbearbeitet vor... Lasst doch auch eurer Phantasie freien lauf!

Und allen Frauen wünsche ich alles Gute. ..macht heute etwas Tolles für euch selbst!

 

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FARBEN PERUS - Projektvorstellung

Fabi

Wie aus „Farben Perus“ eine textile Karte wurde...

oder auch: Einblicke in mein Projekt.

 

5 Monate liegt die Reise nach Peru nun schon wieder zurück. In diesen 32 Tagen ging einmal quer durch den Süden Perus...durch Städte und Dörfer, verschiedenste Landschaften, verbunden mit vielen wunderbaren Begegnungen mit den Einwohnern vor Ort, sowie der Kultur. Vor allem die Welt der Textilien und den Künstlern, welche sie mit sich bringt, brannte sich stark in die Erinnerung ein.

Schon während unseres Aufenthalts schoben sich Erlebnisse und Erfahrungen zu gewissen Bildern in der Erinnerung zusammen. Besondere Farben und Emotionen zu einzelnen Stationen kristallisierten sich heraus und prägten sich besonders ein. Beispiele für solche Momente wären für mich unter anderem die Floßfahrt im Dschungel auf dem Fluss „Madre de dios“ oder auch die Wanderung zum Rainbowmountain.

Für mich wurde schnell klar, dass ich jene Bilder die in meinem Kopf als Erinnerungen herumschwirrten, textil umsetzen möchte. Es sind Stationen unserer Reise, die eine persönliche und für mich besondere Geschichte beinhalten.

In unserem Abenteuer Peru war die Navigation auch ein großes Thema. Sich neu orientieren und Zurecht finden spielte tagtäglich eine Rolle- ob nun die Suche nach dem nächsten Supermarkt, der Weg zu den Museen unserer Wahl, oder die Anreise zu Künstlern oder Betrieben, die wir besichtigen wollten. Genauso waren die langen Busreisen über Nacht gern immer wieder ein Gespräch wert- denn diese Wege zu den nächsten Etappen brachten viele Anekdoten mit sich. Wieder in Deutschland, versuchte ich unsere Routen auf Karten nachzuverfolgen. Je länger ich mich damit beschäftigte, umso klarer wurde mir, dass die Weglinien auch einen Platz in meinem Projekt finden müssen. Dieses Liniengeflecht wirkt als verbindendes Glied zwischen den einzelnen Flächen jener Stationen und ist eine Art textile Landkarte, die unsere Wege durch Peru visualisiert.

 

Umgesetzt werden meine Flächen aus Baumwollstoff. Mit Hilfe von Färbereitechniken, wie zB. Shibori, sowie sonstigen zufälligen Faltungen und Abbindungen entstehen so spannende, nicht eindeutig planbare Strukturen. Diese Flächen werden dann durch die Stickerei veredelt- so entstehen individuelle , die jeweils eine andere Station versinnbildlichen und eine eigene Geschichte erzählen.

 

In weniger als 4 Monaten, genau genommen am 21. Juni diesen Jahres, haben wir die Ehre unsere Ausstellung im Lustschloss in Ostrov eröffnen zu dürfen. Dort werden unter anderem unsere textilen Arbeiten in vollem Umfang zu sehen sein. Kommt gern vorbei, wir freuen uns auf jeden von Euch!

 

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32 TAGE PERU - Das Videoprojekt

Luise

Zum Sonntag ein kleines Filmchen...
Der Trailer zum Videoprojekt!

Zurücklehnen - Anschauen - Sich auf mehr freuen!

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12.09. - Kein Durchkommen...

Luise

Nach einer unverhofften Pause geht es nun endlich weiter! Im Hintergrund ist still und heimlich viel passiert! (Ver)folgt uns gern auf den Social-Media-Kanälen:

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Abreisetag... bereits 0:28 Uhr fängt der Himmel an zu weinen und lässt mich wieder nicht schlafen.

 

Betrübt sitzen wir am Frühstückstisch. Wir wollen noch nicht fort. Umso unwirklicher scheint es, als José uns erklärt, dass der Fluss durch den vielen Regen angeschwollen ist. Lucio meldet sich nicht. José ist sichtlich nervös. Normalerweise ist Lucio schon immer 6:30 Uhr da. Wir bekommen die Anweisung unsere Sachen zu packen und in Gummistiefeln und Badesachen auf der Veranda der Lodge bereit zu stehen. Auf durchnässten Sesseln warten wir auf das Boot. Clewer läuft los und kommt wieder zurück... mit einer tollen Nachricht: Der Fluss, durch den wir gestern noch gewatet sind, geht ihm jetzt bis zur Brust. Zum Glück schleppe ich seit zehntausend Kilometern diesen wasserfesten Beutel mit mir herum. Ich verstaue Kamera und alle anderen Gadgets liebevoll darin und fühle mich damit einigermaßen sicher. Der Rucksack ist einfach viel zu schwer, um ihn auf Händen durch die Fluten zu tragen. - Respektive wird alles andere nass werden. Die Anspannung ist spürbar. Für diese Jahreszeit ist so viel Regen äußerst ungewöhnlich. Dann ein Geräusch... ein Motorengeräusch... wir hören das Boot durch unsere wachsamen Ohren. Das Wasser steht so hoch, dass wir direkt am Ufer abgeholt werden können. Also dürfen wir wieder Top und Hose anziehen... Swantje und ich werfen gleich noch das Regencape über unsere bepackten Körper. - Riesenmarshmallow eins und zwei sorgen ab da schonmal für bessere Stimmung.

Das Boot ist schnell bestiegen und legt auch zügig ab. Erst als wir schon zehn Meter vom Ufer entfernt sind, bemerken wir wie Clewer noch im Fluss steht und uns zuwinkt. Wir winken zurück und das erste kleine Stück bricht von unseren Herzen ab. Am Hafen des kleinen Dorfes verabschieden sich alle Tränenreich von Lucio... mir ist das zu emotional. Am liebsten würde ich mir den Dschungelglitzerzauber von der Schulter klopfen. Wie ein trotziges Kind, dass das Spielzeug eh doof findet, weil Mama es nicht kaufen will, trotte ich zum Bus. Walter läd unsere Sachen ein. Die Fahrt aus dem Nationalpark hinaus ersetzt erneut den Chiropraktiker . Im Radio läut Paint it Black. So trüb wie das Wetter ist auch die Stimmung im Bus. Wehklagen werden angestimmt. Ich sage nichts... eh alles doof.

 

Vom warmen Regenwald geht es wieder aufwärts und die Wolken verdichten sich zu Nebel. Die Landschaft wird merklich karger.

Einen Zwischenstopp hat José noch für uns: Ninamarca liegt auf 3000 Meter Höhe. Es ist scheiße kalt, aber wir lassen uns die Grabtürme nicht entgehen. Eine atemberaubende Aussicht müssen die Mumien damals gehabt haben. Wir zumindest verbringen eine ganze Weile damit, ein Gruppenfoto vor dieser unglaublichen Landschaft zu machen, bis uns das fröstelnde und vehemente "Chicas?!" wieder ins Auto steigen lässt.

Einige Kilometer vor Cusco werden wir von der Polizei angehalten. Ein griesgrämiger Beamter leuchtet mit blinkender Taschenlampe durch das Fenster in unsere Gesichter. Ohnehin schon schlecht gelaunt, geben manche von uns eher... unangebrachte Kommentare von sich... Wenn auch ihn auf deutsch beleidigt, sehe ich uns schon mit dem Gewehr im Nacken auf dem staubigen Boden knien. Schließlich erkennt auch ein peruanischer Polizist den Unterschied von zwischen gutem und bösem Wort. Aber alles geht gut.

 

José gibt uns bei Liz wieder ab, die im Reisebüro extra auf uns gewartet hat. Der Abschied vom Guide ist kurz und pragmatisch. Wir sind halt auch nur eine der vielen Reisegruppen und jetzt macht er schnell zu seiner Familie, denn morgen geht schon die nächste Tour los.

 

Umso herzlicher ist aber das Wiedersehen mit Liz. Wir schießen noch ein Erinnerungsfoto, dann trägt uns einer ihrer Helfer, der angeblich so stark ist wie ein Inka, unsere restlichen Beutel auf den Plaza de Armas und ruft uns zwei Taxis. Die Adressfindung gestaltet sich mal wieder als „complicado“. Erst als wir die Vermieterin anrufen und sie zur Tür kommt, stellen wir fest, dass wir die schon die ganze Zeit davor standen. Uns erwartet eine dekorierte Wohnung. - Mit allerlei bunten Kissen und Decken. Wir wollen sofort wissen, wo sie die her hat.

„Samstag gibt’s die direkt auf der Straße zu kaufen.

Wie sind enttäuscht, denn Samstag sind wir schon wieder nicht mehr in Cusco.

Nach einer kleinen Führung und kurzem Smalltalk verlässt die adrette Peruanerin die Wohnung. Wir wollen auch sofort aufbrechen. Der Hunger plagt uns.

 

Wir laufen los. Fabi mit ihrer App sucht nach einer Pizzeria. Dem leeren Magen geschuldet, besteht unsere Konversation aus schnippischen Bemerkungen und ungeduldigem Gestöhne.

„Ach scheiß, drauf: Wollen wir nicht einfach ein Taxi nehmen und uns bis zur nächsten Pizzeria fahren lassen?!“

Leidende Zustimmung.

Wir halten das nächste Taxi an. Magda fackelt nicht lange. Der Taxifahrer bekommt fünf Sol, wenn er uns zur nächsten Pizzeria fährt. Das ist viel zu viel, aber egal. Das Auto entspricht dem Volumen eines Wäschetrockners. Umso verstörter ist der Fahrer, als wie selbstverständlich und in übermäßiger Geschwindigkeit Fabi auf Swantjes Schoß Platz nimmt und Heda nach rutscht. Auch ich steige ein und will die Tür mit Schmackes zu schmeißen.

WAMM!... Die Autotür prallt an meinem Oberschenkel ab und fliegt wieder auf.

„Aufrutschen!“, brülle ich, als ginge es um Leben oder Tod.

Mit aller Kraft, gelingt es mit die Tür zu schließen und Magda macht noch ein paar Scherze. Verrückte Hühner und so... aber der Fahrer in einem Polohemd und weißem Kragen ist zu höflich um darauf einzugehen.

Wir fahren genau eine Straße weiter, dann dürfen wir wieder aussteigen. Jetzt muss selbst der Fahrer lachen. Ich öffne die Tür und wie einen Schnipsgummi wirft es meinen Hintern aus dem Wagen. Mit den Füßen im Auto und der Hand am Türgriff schaffe ich es noch mich festzuhalten.

 

In der Pizzeria bringen wir die Bedienung ebenfalls zum lächeln, als jeder von uns eine riesige Pizza bestellt. Keiner schafft kaum ein Viertel. Im Hintergrund läuft der Fernseher, berichtet über Anschläge, Tod und Terror. Eine kleine Familie sitzt in der anderen Ecke des Restaurants. Ich kann das Gefühl nicht einordnen, was mich da durchströmt. Der Wunsch wieder zurück zu gehen... mit dem grünen Dickicht zu verschmelzen und auf alles zu pfeifen, steckt mir genauso im Hals, wie der viel zu süße Pizzaboden. Zivilisation ist schon etwas Merkwürdiges.

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

Luise

 

 

 

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11.09. - Floßfahrt mit Hindernissen... II

Luise


„Ein Krokodil! Ein Krokodil!“, schreit Madga.

 

Ich höre ein Platschen oder vielleicht bilde ich mir das auch nur ein... Unser Boot kommt immer noch keinen Millimeter voran. José ruft etwas, ich kann es nicht verstehen. Magda ist völlig aus dem Häuschen, duckt und streckt sich um etwas sehen zu können. Die Passagiere der Rückwärts-Ist-Schneller haben inzwischen ihr Schicksal angenommen… wir drei sitzen wieder – betont entspannt, um den armen Clever nicht noch mehr unter Druck zu setzen. Ich filme in der Gegend herum, während auf dem anderen Kahn eifrig Party gemacht wird. Dann endlich schaffen wie es aus den Pflanzen heraus wieder in freie Gewässer. Wir holen die Anderen ein. José deutet in das Gestrüpp. Ich verstehe immer nur: „Meerschwein! Meerschwein!“ Nach ein paar Minuten ist die Aufregung vorbei und aus dem Kauderwelsch werden vernünftige Sätze. Was da durch das dunkle Nass gekrochen ist, entspricht nicht ganz der Definition eines Reptils. Was ist ein Wasserschwein gewesen, das mit unserem Haustier, dem Meerschweinchen, verwandt ist. Die Fahrt setzt sich also fort, mit Magda, die überzeugt ist, ein Krokodil gesehen zu haben und Lucio, der mit gekonnter Bewegung nun auch unser Boot in die richtige Richtung zieht.

 

 

Ich könnte an dieser Stelle wieder beschreiben, wie schön und atemberaubend dieser Ort auf mich gewirkt hat, aber das erspare ich euch. Obwohl: Und wenn ich es tausend Mal schreiben würde, es würde dem Dschungel immer noch nicht gerecht werden.

 

 

Auf den letzten Metern wedelt Clever mit dem Stab.

 

„Willst du es mal versuchen?“, fragt er mich und hält mir den Leuchtstab der Führerschaft entgegen. Ich mache große Augen… und tippe Heda an.

 

„Heda, Clever fragt, ob du mal steuern willst.“

 

 

Ein strahlendes Gesicht lächelt mir entgegen. Nach einem schnellen wackeligen Positionswechsel hat Heda das Ruder. Sie nimmt den Holzstab in die Hände und setzt zur ersten Bewegung an… Mit der Kraft der Urmutter steuert die Turbanamazone uns durch das Wasser. Eleganz und Energie bilden einen metaphorischen Bogen. - Heda erfährt die Verkörperung des weiblichen Sinnbilds. Als Leitfigur und tragendes Teil des Universums… dann... bleibt der Stock stecken… und ich muss lachen…

 

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11.09. - Floßfahrt mit Hindernissen...

Luise

 

Völlig durchnässt und übel nach zwanzig Jahre altem Schaumstoff riechend, kehren wir zur Lodge zurück. Heda ist schon da und noch völlig verzaubert von ihrem Dschungeldickichtausflug. Nach einem üppigen Mittagessen und einer kalten Dusche (an den mannshohen Spiegel in der Duschkabine werde ich mich wohl nie gewöhnen können...) geht es weiter. Am Ufer steht wieder das längliche blaue Boot. Lucio, der kleine, dürre Mann mit dem breiten Backsteingrinsen, redet mich mit vielen Worten voll und kichert, weil er weiß, dass ich kein Spanisch spreche.

 

Wir überqueren den Rio Madre de dios und landen an einem Steinstrand. Wir sollen etwas schneller gehen, da die Sonne schon wieder am untergehen ist. In dem riesigen, dumpf beigefarbenen Bambuswald fühlt man sich, als stehe man in einer Zahnstocherschachtel. Der Lärm der Tierwelt erinnert an ein Büchsentrommelkonzert aus meiner Kindheit.

 

Auf den Pfaden der Mikadostadt begegnet mir ein äußerst merkwürdiges Insekt: Leuchtend blau gestreift, verwinkelt wie ein Schaukelpferd fliegt es an mir vorbei. Es ist mir nicht möglich das Tier mit der Kamera festzuhalten. Ich eile zu Clever und berichte aufgeregt von meiner Beobachtung.

 

"Was war das für ein Tier?!", beende ich meine lange Ausführung. Clever, überfordert von meiner Wortgewalt, schaut mich kurz an und spult dann einen seiner Regenwald-Biotop-Standartsätze ab. Jetzt ärgere ich mich, dass ich kein Spanisch spreche. Ich werde wohl nie erfahren, wie das Alice-im-Wunderland-Wesen heißt.

 



 

Wir erreichen lichtere Gefilde, gehen über eine schmale Brücke und erreichen einen befestigten Weg übersät mit farbigen Blütenblättern... und um dem Kitsch noch das Krönchen aufzusetzen, liegt unweit entfernt ein kleiner See mit Anlegestelle. Und wiedermal sitzt ein einzelner Mann auf einem Plastikstuhl in Mitten der vermeintlichen Pampa und verkauft uns Boottickets. Das Wasser wirkt idyllisch. Wie ein schwarzer Spiegel reflektiert es Berge aus Blättern und Bäumen. Schmetterlinge und Aras fliegen über uns hinweg. Dann ertönt ein Fauchen. Unsere Blicke wandern zum anderen Ufer. Auf langen, horizontal drapierten Holzstäben sitzt ein einziger Vogel. Wieder faucht dieser schwerfällig. José steckt die Tickets ein und erzählt freudig im Oberlehrerton etwas über dieses Ungetüm. Mit braunbunter Federpracht und leicht untersetztem Körperbau, wirkt dieser Hoatzin irgendwie urig. Bald gesellen sich noch weitere Artgenossen dazu und beschweren sich gegenseitig über die Anwesenheit des anderen.

 

José, Swantje und Magda besteigen den ersten Kahn und werden von Lucio über das Wasser geschippert. Mit kraftvollen Bewegungen stößt der erfahrene Bootsführer einen langen Stab in das Wasser und drückt so das Floß nach vorn. Der Rest setzt sich auf die Bänke des zweiten Gefährts. - Darf ich vorstellen: Das Gewinnerteam in Sachen Masse-Kraft Verhältnis. Auf der Balastseite: Die beiden Hünen Heda und Fabi (Spezialkraft: Beide höher als der Wasserspiegel) und Luise (Spezialkraft: Barocker Arsch kann als Wasserboje dienen.). Auf der Antriebsseite: Clever (Superkraft: Macht das heute zum ersten Mal... ist also noch guter Dinge.) Ich kann mir ein kichern nicht verkneifen, als der Spargeltarzan uns vom Ufer weg schiebt. Wir fahren direkt an den Hoatzins vorbei. Die Tiere sehen wie Drachenvögel aus. In einem Baum am Wasser ist das Fauchen und Grunzen besonders laut und zwischen den Ästen lassen sich drei kleine staubgraue Federpüschel erkennen. Das erwartete "Or, ist das süüüüß!" bleibt diesmal aus. Ich habe noch nie ein Tier und und seine Jungen gesehen, die weiter vom Begriff "niedlich" entfernt waren. Mit seinen stechenden, blau umrandeten Augen starrt uns das Muttertier an.

 

Wir schippern weiter zwischen den Sumpfpflanzen hindurch. Lucio schaut immer wieder nach uns. Ich filme die Silhouetten der Vogelnester entgegen die untergehende Sonne, als mir das Schilf zart um die Beine streicht. Immer mehr driftet unser Kahn zwischen die Fauna. Clever versucht gegenzusteuern, aber einen Rückwärtsgang gibt es nicht. Die erste Gruppe ist schon einige Meter weiter. Da ruft José: "Look! Look!" Magda und Swantje stehen auf, balancieren sich aus und schauen angespannt zwischen den Wasserpflanzen nach der Ungewöhnlichkeit. Genauso angespannt rudert Clever vergebens mit dem Stab im Wasser. Auch ich stehe auf, um etwas sehen zu können, aber vergebens.

 

"Ein Krokodil! Ein Krokodil!", schreit Magda.

 



 

Fortsetzung folgt....

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11.09. - Schlüpferleinen...

Luise

 

Mit lautem Donnergrollen und Regentrommeln weckt uns der Regenwald mitten in der Nacht. Ein Schnarchen höre ich noch, der Lärm kann also nicht so gewaltig sein. Aber die frühmorgendliche Vogelbesichtigung an den Hängen des rio de madre dios fällt aus.

 

Nach Eierkuchen mit Caramel zum Frühstück geht’s zum Ziplining. (Meine Abneigung gegen Süßes beginnt und soll auch in Zukunft ungewohnte Ausmaße annehmen.) Nur Heda macht sich zu einer Tour durch das Dschungeldickicht abseits der Wege auf. Mit Clever und Machete bewaffnet erobert sie sich entgegengesetzt unserer Route die unentdeckten Pfade. Swantje, Fabi, Magda und ich werden zu einer Hütte etwas entfernt der Lodges geführt. Vier Rucksäcke stehen davor, zwei Männer dahinter. Der eine klein mit breitem Grinsen. Der andere klein... mit Hut und Surferboyerscheinung.

 

Es ist unerträglich warm. Die Mischung aus Schweiß, Sonnencreme und Mückenspray läuft mir über die Lippe in den Mund und verleiht dem stolpernden Gang noch einen bitteren Beigeschmack Der kleine Peruaner Nummer eins (seinen Namen habe einfach nicht verstehen können) führt uns in die Wildnis. Die Pfade gehen über ausgespülte Wurzeltreppen steil bergauf. Die Griffe der Doppelseilrolle stechen mir durch den Rucksack in den Rücken. Unser Anführer spricht über jeden Baum, über jedes Blatt... also das vermute ich. Sein Englisch wird durch genuschelte Schüchternheit nicht gerade verständlicher. Irgendwann schalte ich ab und konzentriere mich nur darauf nicht zu schmelzen. Angekommen an der Ziplining Station machen wir erstmal eine kurze Verschnaufpause. (Erst während der Nacharbeit fiel mir auf, dass es ja ZIPlining und nicht SLIPlining heißt... Luise und ihr Schlüpferfetisch wieder...) Wir packen die Rucksäcke aus und setzen die stinkenden und viel zu engen Helme auf. Zuletzt folgen die Handschuhe und ich schwöre, für einen Moment wäre ich die 10 000 Kilometer innerhalb von zwei Sekunden wieder nach Hause gesprintet. Die Fusselvariante mit Überstülpfunktion liegt grau und sterbend in meinen zu bedeckenden Händen. Ein Geruch von moderndem Plastiktextil weht mir entgegen. Textilien Perus...ich seh´ schon... Dafür hat sich die Reise gelohnt... und für die Ekelblase die mir gerade an der Lippe wächst. Aber es hilft ja alles nichts. „Für die Horde!“, verkneife ich mir zu rufen und fahre in die Handschuhe. Meinen inneren Konflikt nicht mitbekommen, hat der kleine Peruaner Nummer eins alles fertig erklärt. Die Mädels schauen skeptisch und nicht unbedingt fröhlich. Von dem hölzernen Gestell führt eine dünne Schnur über eine grüne Schlucht und endet außerhalb unseres Sichtfeldes. Ich bin begeistert. Wenn ich schon die Lebrahandschuhe trage, dann soll es sich auch lohnen. Ich will unbedingt als erste! Kleiner Peruaner Nummer zwei Kettet sich schon mal an die Doppelrolle. Mit nur einer Hand am Griff fährt er los... die coole, coole Sau! Nummer Eins erklärt noch irgendwas, aber keiner scheint es so wirklich zu verstehen. Er winkt uns zu sich heran. Jetzt geht’s los. Ich schaue in wenig überzeugte Gesichter.

 

„Soll ich als erstes?“, frage ich in lässigem Ton, als sei es das unwichtigste auf der Welt. Innerlich mache ich mich schon für die gnadenlose Verteidigung meiner selbsterdachten Vormachtsstellung bereit.

 

„Luise, mach ruhig.“

 

YESSSS, triumphiert es in meinem Kopf.

 

„Gut“, sage ich nüchtern und lasse mich von Nummer eins einkarabinern. Mit angehobenen Beinen sitze ich in den Seilen. Ich löse die Bremse und die Fahrt beginnt. Die großen Bäume lasse ich hinter mir und plötzlich schwebe über dem Urwald. Das zippen der Leine (*Vorsicht Wortwitz*) wird immer pfitschiger. Ich bremse ab und die Zeit vergeht wie in Zeit Lupe. Aufgescheuchte Vögel fliegen über mich hinweg. Unter mir die Lunge der Erde. Ich fühle mich wie Jack Sparrow, der auf halsbrecherische Weise gerade wieder einer brenzligen Situation entkommen ist. Nummer zwei winkt von der nächsten Plattform ungeduldig herüber. Ich lasse die Bremsen los und will bis zur nächsten Plattform rollen, aber der Schwung reicht nicht mehr. Zehn Meter vor dem kleinen Melkhocker, der einem als Landepunkt auf der genagelten Ebene dienen soll, komme ich zum stehen. Lässig drehe ich mich in 30m Höhe um hundertachtzig Grad und hangel mich weiter... ganz lässig... die ersten zwei Meter. Der letzten acht bedarf es einer Anstrengung, die mein weißes, ebenmäßiges Mondgesicht in das eines grobschlächtigen, von Verstopfung geplagten Wrestlers verwandeln. Bei Meter fünf geht es nur noch zentimeterweise voran. Auf Meter sieben kann ich mir ein stöhnendes Luftholen nicht mehr verkneifen. Das war der Hinweis, den uns Nummer eins zum Schluss gegeben hat: Fahrt durch, nicht anhalten... ach was... die Aussicht war es wert. Fabi, Magda und Swantje, einer nach dem anderen, fahren mit rasantem Tempo auf uns zu. Fabi braucht beim ankommen übrigens keinen Hocker. Jeder von ihnen strahlt.

 

„War doch lässig, oder?“, sag ich. Meine Oberarme zittern leicht. Es liegen noch zwei Bahnen vor uns.

 

 

Der Wald verdichtet sich wieder. Aufgrund unserer Höhe befinden wir uns über den Gebüschen und kleineren Pflanzen, die uns normalerweise vom Erdboden aus die Sicht in alle Richtungen verbieten. Der Anblick ist ehrfurchterregend: Die dicken Stämme der Bäume folgen einer nicht definierbaren Regelmäßigkeit. Jede Rinde ist anders gemasert oder mit einer anderen Pflanze verziert. Noch nie habe ich so viele Blattformen an einem Ort gesehen. Vielleicht war das auch einer dieser vielen Schlüsselmomente dieser Reise. Und ohne jetzt allzu theatralisch und altklug zu wirken, wurde mir doch in jenem Augenblick die Verantwortung, die ich gegenüber meiner Umwelt habe, mehr als deutlich bewusst. Der tief empfundene Wunsch, diese Geschenke um uns herum zu schützen und zu pflegen, war noch nie so stark. Und dieses Gefühl wird mich auch noch lange nach der Reise tragen und beschäftigen.

 

 

 

 

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10.09. - Urwaldzauber III

Luise

Neben all dem Wasserspaß freuen wir uns auch auf ein besonderes Highlight: Die Nachtwanderung klingt wie nichts anderes nach Abenteuer. Nach einer Kürbissuppe, dem Hauptgang bestehend aus Reis, Kartoffeln und Gemüse. (Ja, aufgepasst liebe Low-Carb Freunde. Hier wird Sättigungsbeilage mit Sättigungsbeilage kombiniert. SPOILER: Keiner erlitt einen plötzlichen Herzkasper oder entwickelte Typ 2 Diabetes. Einzig das deutsch-deutsche Denken lässt uns José von der Ungewöhnlichkeit berichten. Reis mit Kartoffeln... also wirklich.) Der Schokopudding besänftigt die verwirrten Gemüter sogleich und nach einer neuen Schicht Anti-Mückenspray (inzwischen ist die Abwehraura schon als leuchtende Umrahmung erkennbar), geht es in den Wald.

Die Taschenlampen im Anschlag leuchten wir umher. Überall hin nur nicht auf den Weg. Gummistiefel stoßen gegen Wurzeln. Wir bewegen uns tapsig über den Weg, aber der unglaubliche Geräuschpegel übertönt unsere Sturzversuche. Die Grillen machen mehr Krach, als das Gehörlosenorchester Untertegenau zu Testzwecken der Schalldämmung im Hallenbad. Und das wundert auch nicht: Grashüpfer, Grillen, Zikaden in allen Farben und Formen sitzen unter jedem Blatt. Mit feucht glänzenden Augen schauen sie mich an. Ich schau ins dichte Dunkel und fühle mich unangenehm beobachtet. José erzählt uns viel Interessantes über jeden Krabbelkäfer. Wir entdecken sogar einen Giftpfeilfrosch. Die Verwendung des Hautsekrets dieser bunten Amphibien erklärt sich aus der Namensgebung. An einer Weggabelung hält der Guide uns zurück, sucht sich einen Stock und stochert damit in einem kleinen Erdloch herum. "Tarantula", meint er bloß. Wir warten gespannt. Dann wackelt der Stab und José zieht vorsichtig. Eine handgroße, behaarte, schwarze Spinne kommt zum Vorschein. Verbissen in den vermeintlichen Eindringling wirkt sie im Taschenlampenlicht wie erstarrt.

José ist enttäuscht: "Nur ein Männchen. Die Weibchen sind größer." Wir entdecken eine Gottesanbeterin.

"Weiß jemand, warum das Weibchen das Männchen umbringt?", fragt José mit der das-kommt-morgen-alles-im-Test-dran-Miene. Wir schütteln die Köpfe. Die Antwort ist verblüffend und logisch zugleich: Ohne Kopf dauert die Kopulation statt zwei Stunden ganze zehn Stunden. Die Chance auf Nachwuchs wird also quasi verfünffacht. Es folgen anzügliche Witze aus der Frauenfraktion. Kurz bevor wir die Lodge erreichen, hält uns José wieder an. An einem Baumstamm direkt über dem Boden sitzt ein riesiges Vieh. Die "Scorpionspider" wirkt wie eine dürre Krabbe, so lang wie mein Unterarm. "Die ist ungefährlich.", sagt der Guide. Wir treten nah heran und José zupft ihr an einem Hinterbein. Dann plötzlich schreit er auf. Wir schreien mit und befinden uns innerhalb einer halben Sekunde in zwei Metern Entfernung. Taschenlampen leuchten panisch umher. Dann hören wir ein Lachen. Wie ein kleiner Kobold Kichert José, der Blödmann!

Den Schreck noch in den Knochen, fällt es uns schwer Ruhe zu finden.

 

Wann war man eigentlich das letzte mal mit einer solch neugierigen Aufmerksamkeit in den einheimischen Wäldern unterwegs? Ich weiß es nicht mehr...

 

Fortsetzung folgt

 

 

Stotterspatz gibt Laut!... Morgen in Plauen

Luise

Statt eines langen Blogbeitrags gibt es heute den Hinweis auf ein besonderes Ereignis!

Ganz kurzfristig, bekommen wir die Möglichkeit ein, zwei Reiseberichte vortragen zu dürfen.

Ich schwitze jetzt schon Blut und Wasser und versuche mit innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden den vogtlandischen Dialekt abzutrainieren.

 

Anwesenheit ist Pflicht. Bringt altes Gemüse mit! :P

 

 

Ort: Galerie Forum K, Bahnhofstraße 39 - Plauen, Vogtland

Zeit: 19.30 Uhr

Eintritt: frei

 

Weitere Informationen:

https://www.facebook.com/events/1741376369505652/?active_tab=about

10.09. - Urwaldzauber II

Luise

Wieder im Boot haben die beiden Männer keine ruhige Minute. Die Frauen quasseln in einer Tour. Und nicht mal die rauschenden Wellen schaffen es nicht, das Gegacker zu übertönen. Clewer lacht bei jedem Witz treu mit. Unmengen an Vögeln begegnen uns an den Ufern. Cesar meint, die Fahrt neigt sich langsam dem Ende zu. Wir stöhnen enttäuscht auf. Der Fluss wird schmaler und wir treiben auf den Hafen zu. Der Bootsmann fragt uns, ob wir nochmal schwimmen wollen. Unsere Augen glänzen und wir lassen uns vom Schlauchboot direkt ins Wasser fallen. Die Rettungswesten geben uns die Möglichkeit im Dschungelfluss zu treiben und die Landschaft zu genießen. Ein merkwürdiges Gefühl. Man fühlt sich so winzig und unbedeutend. - Gleichzeitig verspürt man aber unglaubliche Freude, Teil dieser Welt zu sein. Ich warte jeden Moment darauf, dass die Scheinwerfer ausgehen, die Bäume mechanisch im Erdboden verschwinden und eine Computerstimme sagt: „Simulation beendet. Vielen Dank, dass sie sich für Parque de Manu entschieden haben.“

Ich drehe mich wie eine luftgefüllte Tonne auf der Wasseroberfläche.

„Leute, wir sind im Scheiß Regenwalds... Leute!“, sage ich zum hundertsten Mal.

Wir dümpeln so vor dem Boot, testen die Felswandakustik indem wir Arien schmettern und den lauten Vögeln Konkurrenz machen. Dann müssen wir wieder ins Boot. Aus einiger Entfernung sehe ich dabei zu, wie Swantje, Magda und Fabi vom Azubi an den Rettungswesten in das Schlauchboot gezogen werden. Mit all seinen Kräften hievt er die Mädels über die Bootwand. Ihre Gesichter liegen beinahe in seinem Schoß... Ich will nicht... Ich will ganz und gar nicht. Meine Paddelbewegungen werden dezent panisch, aber das Boot holt mich schon ein.

 

„Luise, entspann dich. Lass es einfach passieren.“, höre ich Magda sagen. Ich bete inständig, dass ich beim Herausheben meine Badehose anbehalte. Mit beiden Händen kralle ich mich an der Reling der Titanic fest. Der dünne Faden gibt mir wenig Sicherheit. Ich schließe die Augen. Dann kommt der Rupfer. Ich halte die Luft aus unerfindlichen Gründen an und warte darauf, dass sich mein Körperschwerpunkt ins Boot verlagert. Der Wal ist binnen weniger Sekunden gefangen. Ich beginne wieder zu atmen.

Jetzt fehlt noch Heda. Die weigert sich aber vehement.

„Ich kann auch so bleiben.“, sagt sie und klemmt einen Fuß und einen Arm am Schlauchboot fest. So geht es zurück in den Hafen. José wartet schon auf uns. Von einem überdachten Ausguck beäugt er uns wachsam.

 

Wir tauschen das Schlauchboot gegen ein langes, blaues Motorboot und überqueren den Fluss. Mitsamt Gepäck schippern wir durch das trübe Nass und kommen an einer verschlammten Anlegestelle an. Meine erste Amtshandlung bevor wir uns auf den kurzen Marsch zur nächsten Lodge begeben: Schuhwechsel. Als ich die giftgrünen Schaumstofflappen gegen tatsächlich echte Schuhe ausgetauscht habe, meint José. „Zieh lieber die Badeschuhe an, wir müssen noch durch einen angrenzenden Flusslauf gehen.“ - Die Schmach nimmt einfach kein Ende!

 

Auch als wir uns auf den Weg machen, verkleidet als voll beladene Gepäckstückmonster, muss ich trotzdem filmen. Das Wasser des Flusses ist nicht tief. Bis zum Knöchel umspült es meine Beine. Mein kleiner Rucksack versperrt mir die Sicht auf meine Füße. Am anderen Ufer flattert eine Schar Schmetterlinge. Wie die Verrückten stürmen alle darauf zu. Ich stoße mir schmerzhaft den Zeh an einem Stein und versuche mein Gleichgewicht auf einem Bein zu halten.

„Oh, ist das schön!“, sagt Magda. - Ich schwanke leicht nach vorn.

„Och, sind die süß!“, sagt Fabi . - Ich schwanke wieder zurück, die Kamera in die Höhe gestreckt.

„Seht euch die Farben an!“, sagt Heda. - Jetzt darf ich mich entscheiden, welcher Rucksack nass wird. Ich wähle den Rucksack auf meinem Rücken und stellte meinen pochenden Fuß sachte ab. „Baum fällt!“, will ich rufen, aber plötzlich haben ich wieder festen Stand... Ich hab´s halt doch drauf! Wen interessieren schon Schmetterlinge. - ich habe in den Urwald mit FlipFlops bezwungen und bin nicht draufgegangen!

 

Nachdem wir in der Lodge ausgepackt haben und uns José mit einem eindringlichen „Follow the rules!“ wiedermal zur Ordnung ruft, führt uns Clewer durch den angrenzenden Wald. Auf einer Lichtung stehen wieder kleine Häuser auf hölzernen Balken. Die sind noch nicht fertig, meint Clever, sollen aber später auch mal Gäste beherbergen. Überall stehen einzelne Bäume - Orangenbäume, Affenbrotbäume. Durch die schmal verteilten Beete, die mein Auge gar nicht als solche wahrnimmt, humpelt ein kleiner, huzeliger halbblinder Mann. Er unterbricht Clevers botanische Ausführungen immer wieder und hält uns immer wieder verschiedene Pflanzen unter die Nase. Liebstöckel, Knoblauch und Zuckerrohr... alles scheint er hier im Garten zu haben. Philippe ist ein Schamane und wohnt seit der Gründung, sprich seit 18 Jahren, hier und kümmert sich um den Garten. Das Grundstück gehört einem amerikanischen Professor, der einmal im Jahr mit seinen Studenten hier vorbeikommt. Magda fragt, warum er hier alleine lebt.

„Weil er das so will.“, bekommen wir nur als Antwort.

 

Auf dem Rückweg entdecken wir einen riesigen Schmetterling. Der Bananenfalter setzt sich auf Hedas Turban nieder. Das Blitzlichtgewitter beginnt. Der Schmetterling hebt ab und wir erstarren alle. Wieder lässt sich das grazile Geschöpf nieder. - Diesmal auf Swantjes Schulter. Blitzlichtgewitter. Dann hält die Welt wieder still. Immer wieder. Die Dekadenz des Touristentums ist mir nie so deutlich erschienen...

 

 

 

Der Tag scheint endlos... und er ist auch noch nicht vorbei...

 

Fortsetzung folgt...

 

 

 

 

 

 

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10.09. - Urwaldzauber

Luise

 

Der Tag beginnt in drei Schichten: Sonnencreme, Mückenschutz und Fenistil. Zum Frühstück gibt es Ei. Durch das von Gaze umschlossene Fenster können wir Kolibris beobachten. (Das „Oh, ist das schön!“ erscheint in diesem Moment noch angemessen. Nach drei Tagen mit vier Frauen im Urwald, zuckt mein rechtes Auge ganz unauffällig, wenn jemand zu diesem Satz ansetzt...) Das erste Gesprächsthema am Frühstückstisch ist diesmal ausnahmsweise nicht die Verdauung, sondern die Mücken. José erzählt uns, dass bei ihm Stiche nur ein paar Stunden anhalten. Es ist eine Sache der Gewöhnung und der Herkunft. Die Ureinwohner beispielsweise werden die ganze Zeit zerstochen, besitzen aber mehr natürliches Antihistamin und drehen deshalb nicht so schnell durch, wie wir Weicheier. Kaum fällt das Wort auf die Ureinwohner, sind wir gespannt und wollen mehr erfahren. Nur einige wenige Kilometer entfernt befindet sich ein Stamm. Vor knapp drei Jahren gab es mal Kontakt zu ihnen. Es gibt sogar ein Video, welches er uns später zeigt. Die meisten Natives sind Jäger und Fischer, da der Wald nicht viele essbaren Pflanzen bietet. Stämme, die den Kontakt suchen, müssen sich an bestimmte Regeln halten. Oft geben die Einwohner ihre eigene Kultur auf und werden abhängig von Spenden aus der „Zivilisation“ - wie José immer gern in Anführungszeichen betont. An seiner Miene erkennt man, wie ihm das missfällt. Von Menschen, die alles hatten, werden sie zu Menschen die nichts mehr haben.

 

 

 

Als Aufwärmübung laufen wir eine Stunde des Weges.(Wieder wird jedes Ameisenhäufchen von allen Seiten dokumentiert. Ich bin mir sicher: Anhand unserer tausend Bilder können wir später ein exaktes 3D-Model des Regenwalds erstellen.) Dann werden wir zum Rafting gefahren. Wir halten unterwegs in Patria. Wieder will José Brot kaufen. Diesmal dürfen wir uns sogar die Bäckerei anschauen. Ich bin überrascht. Bei diesen süßen Burgerbrötchen, die es hier nur zu kaufen gibt, habe ich immer eine sterile Fließband Abfertigung erwartet... irgendwie amerikanisch. Aber in der kleinen Hütte im Hinterhof erwartet uns ein riesiger Steinofen. Über der Lehm verputzten Kuppel hängen die Balken voller Asche. Der Bäcker nimmt die Bestellung entgegen und schöpft die kleinen Brote aus einem hölzernen Basin.

 

Auch Bananen will José kaufen, als er aber mit leeren Händen wieder einsteigt, stellt der Fahrer nur grunzend fest: „Ist ja Sonntag. Da gibt’s wohl nix.“

 

Teils fahren wir durch wilden Dschungel, teils durch kleine Dörfer. Überall liegen Cocablätter auf blauen Plastikplanen zum trocknen aus. Erst in der nächsten Kleinstadt finden wir Kochbananen und Yuka. Am Straßenrand finden die Männer sogar die Annatto-Pflanze, die die Frau zum Färben von Orangetönen benutzt. José fackelt nicht lang und bricht eine handvoll der stacheligen Früchte ab. „Damit könnt ihr dann euer Gesicht bemalen.“, lacht er.

 

In einem kleinen Ort hält schließlich der Bus und fährt rückwärts in einen Hof. Auf dem Tor sitzt ein roter Papagei und beäugt uns wachsam. José erklärt, dass wir ab hier zu Fuß zum Rafting müssen. Wir sollen uns umziehen, Badekleidung, Sandalen und Clewer soll uns bemalen. Wir lachen über den Scherz, aber José meint es ernst. „Das hilft gegen die Mücken.“ Jaja, verarschen kann ich mich selber. Aber nachdem sich Heda bereitwillig das Gesicht verzieren lässt, denke ich mir auch, sollen die anderen doch auch ihren Spaß haben. Wir sind fast fertig, da deutet José auf meine Turnschuhe. „Du brauchst andere Schuhe, es wird sehr nass. In dem Laden da vorn gibt es FlipFlops.“ Was der gute Mann nicht weis; nach öffentlichen Treppengeländern und Pausenhofmobbern gibt es nur eins, was ich verabscheue: Diese Moosgummifußzehenspalter... Zwei Minuten später bin ich also stolzer Besitzer der untersten Schuhwerkkaste. Caesar, unser Raftingbootsführer verteilt Schwimmwesten und Paddel. Zumindest hat Heda auch Clewer geschminkt. Wir sehen also alle gleich bescheuert aus, als wir im Gänsemarsch, mit Kriegsbemalung, im Bikini , mit Paddel unterm Arm und rotem Wasserharnisch los watscheln. Die Dorfbewohner schauen uns belustigt hinterher. „Wir sind die Ritter der Schwafelrunde!“, rufe ich noch, werde aber sofort bestraft, indem ich über meinen rechten FlipFlop stolper und mir mit dem Paddel selber eine verpasse. Heda grunzt schadenfroh. Clever weiß nicht, ob er lachen oder mir helfen soll.

 

Am Wasser angekommen, wird das Schlauchboot aufgepumpt. Ceasar macht uns die rudimentären Paddelbewegungen vor und nennt uns die dazugehörigen Signale. Wir tragen das Boot ans Wasser. Ceasar überblickt die Gruppe und Verteilt seine Paddler. Er fragt mich, ob es ok ist, wenn ich vorne sitze. Zu jeder Schandtat bereit, nicke ich. Erst später verstehe ich, warum das so ein Sonderplatz ist... Das Boot ist schnell bestiegen. Vom seichten Wasser geht es in die ersten Stromsschnellen. Wir brechen eine Welle und die erste Reihe wird eiskalt voll geschwappt. „Ladies, forward!“, ruft Ceasar und wir paddeln los. Die meiste Zeit rudere ich pflichtbewusst in der Luft. Die Angst hinein zu fallen schwindet nach und nach und wir legen uns ins Zeug. „Stoooop, Ladies!“ Im ruhigen Wasser angekommen, heben wir die Paddel in die Lüfte und stimmen Siegesgeheul an. Nach der Biegung liegt ein kleiner, grauer Steinstrand. Wir lassen uns ans Ufer treiben, legen die Rettungswesten ab und dürfen endlich schwimmen. Mit unseren orange verwaschenen Gesichtern schauen wir uns um. Die Strömung nimmt uns leicht mit und mit strampelnden Bewegungen halten wir dagegen. Ruhe und Bewegung treffen sich an diesem Ort. Die Felsen, gegen die das Wasser laut schlägt, bilden einen Verlauf von Grünspan über ein kühles Pupur bis einem tiefen Indigo. Die Bäume, ewig hoch, mit gewaschenen Wurzeln und singenden Vögeln in den Kronen, geben uns das Gefühl im Einklang zu sein.

 

„Das ist Leben.“, sagt Magda, „Wenn ich es in einem Bild beschreiben müsste, dann so...“ Dann lächelt sie und der Reihe rum erstrahlen auch unsere Gesichter vor Glück....

 

 

 

 

 

 

 

Fortsetzung folgt...

 

 

 

09.09. - Zwischen Zikaden und Bananenblättern... Unser erster Tag im Dschungel

Luise

Sieben Uhr steht der Bus vor unserer Haustür. Wir räumen noch schnell die Bude auf, dann sprinten wir zum Auto. Uns begrüßen Walter und José, die unserer Gepäck einladen. Es ist ein kleiner, weißer Bus mit elf Sitzplätzen. Wir sind erleichtert. Nach Machu Picchu hat keiner von uns Lust touristisch großportioniert abgefertigt zu werden. Nach kurzer Fahrt halten wir an und José, der Guide, nimmt unseren Nahrungsvorrat für die nächsten Tage entgegen. Dann müssen wir noch auf jemanden warten. Fabi verdreht die Augen: „Wir machen nur Platz für ´nen hübschen Peruaner.“ Und dann kommt er angejoggt... der „Guide in training“, wie José sagt. Der junge Mann steigt mit einem leicht gehetzten Lächeln ein und streicht sich die dunklen Haare aus dem Gesicht. Gut, denke ich mir. - Und ich will Peru auf einem fliegenden Alpaka bereisen... Ich warte kurz....aber mein Wunsch geht nicht in Erfüllung. Wir fahren also aus Cusco hinaus. An jedem zweiten Haus steht ein Schild: Cuyeria – Meerschweinchen, aber nicht die zum streicheln... Wir rümpfen alle die Nase.

In Oropesa halten wir erneut. Hier gibt es angeblich das beste Brot. Was uns Jose dann zum Kosten anbietet nennt sich Chuto und erinnert an ein riesiges Milchbrötchen. Das Hefebrot ist sehr süß... wie alles in Peru. Wir fragen nach dem Namen des Azubis. „Clewer.“ Sein Name sorgt für etwas Belustigung. „Weis nicht, ob er wirklich clever ist.“, meint José. Clewer lächelt nur süffisant.

In Paucartambo machen wir eine kurze Pause und besuchen dort ein Museum. Neben den typischen Kopfbedeckungen der Schamanen, Ch´ullu genannt und den bemalten Bekleidungen der Urwaldbewohner, gibt es eine ganze Ausstellung über die Fiesta de la Virgen de Carmen, welche immer am 16. Juli für drei Tage lang zelebriert wird. Clewer erklärt uns viel über die ausgestellten Kostüme und Masken. In schillernden Farben und mit glitzernden Applikationen erzählen die Verkleidungen über die Geschichte Perus. Ob über die Chucchu-Masken, mit ihrer gelben Farbe und Geschwülsten im Gesicht oder über die Spanier mit den dicken Bäuchen und der Alkoholflasche in der Hand... Die Kostüme vermitteln immer eine saftige Satire vergangener Ereignisse.

Gefüllt mit Wissen machen wir noch einen Abstecher zur Tankstelle, aber nicht um das Auto aufzufüllen. Jose steigt mit einer leeren Fantaflasche aus und füllt sie am Zapfhahn mit lila Flüssigkeit... für den Generator in der Lodge.

Der weitere Weg führt uns durch staubige Gefilde, alles ist grau. Der Staub zieht in den Bus und lässt uns husten. Die Wegstrecke wird steiniger. Durch das Gerüttel wird mein Hintern ganz taub. Am Eingang zum Parque Nacional del Manu legen wir die erste Rast ein. Anhand der dort aufgestellten Karte erklärt uns der Guide wo und wie lang wir uns an welchem Ort aufhalten. Das Tropengebiet des Manu Parks ist riesig. Während unserer vier-Tages-Reise erkunden wir nur einen winzigen Teil. José erzählt uns, dass zehntausende Tier- und Pflanzenarten schon hier gezählt wurden und es auch Forschungsstationen amerikanischer und deutscher Forscher gibt. Beim Mittagessen sorgt die Granadilla für kulinarische Neugier: Eine orangene Frucht mit harter Schale. José macht es uns vor. Wie ein gekochtes Ei haut er den leuchtenden Ball auf den Tisch. Im Inneren befinden sich Fruchtfleisch ummantelte Kerne. Sprich: Knackst du die Hülle, darfst du süßes Froschlaich auszutschen... wir sind begeistert.

Gegenüber der Einfahrt sitzt eine Frau am Webstuhl. Endlich können wir José klar machen, warum wir hier sind. Ambitioniert schreitet José also voran und will für uns übersetzten. In Quechua zeigt uns die Weberin die Teppiche hinter sich. Und wie auf´s Stichwort erklärt sie uns, mit welchen Pflanzen sie welche Farbtöne für die gesponnene Wolle erzeugen kann. Neben ihr liegen alle Zutaten, die sie uns nacheinander vorstellt. Mir kommt das wieder sehr drapiert vor... schließlich braucht sie zum Weben keine Färbemittel. Ich kann aber froh darüber sein, denn so kann ich sehr schöne Aufnahmen für den Dokumentarfilm machen. Vierzehn Stunden sitzt sie täglich am Webstuhl. Ihr schmerzen die Hände und der Nacken. Unsere Ehrfurcht ist groß. Jeder von uns saß schon einige Stunden an den großen Schaftwebstühlen, die im Vergleich zur südamerikanischen Webanlagen ein Luxus darstellen.

Im oberen Bereich der Anden ist der Dschungel durch den vielen Nebel überhaupt nicht sichtbar. Die Wolken kommen vom tiefgelegenen Regenwaldgebiet und stauen sich quasi an den Anden. Jede Kurve scheint im sichtbaren Nichts zu enden. Einige hundert Höhenmeter tiefer lichten sich die Reihen und der Urwald wird sichtbar. Irgendwann ruft Clewer, der schon die ganze Zeit konzentriert aus dem Fenster starrt: „Stopp! Stopp!“ Der Wackelbus hält an. Und da sehen wir ihn... den Cock-of-the-Rock. Als einer der tierischen Repräsentanten Perus, sitzt der leuchtend rote Felsenhahn gut versteckt im grünen Dickicht. „Man sieht ihn nicht oft. Wir haben Glück.“, meint José. (Interessanterweise sehen wir an diesem Tag bestimmt drei oder vier Exemplare dieser Schmuckvögel mit dem charakteristischem Federkamm über der Stirn. Unsere Reise ist vom Glück bekleidet.) Auch für Adler halten wir an. Magda mit ihrem Teleobjektiv hat natürlich die beste Sicht. Swantje mit ihrem Weitwinkelobjektiv fotografiert eher Suchbilder. Ich filme natürlich und warte darauf, dass sich der Vogel bewegt – am besten weg fliegt. Wir stehen eine Weile. Ein zweiter Bus kommt angefahren und hält ebenfalls an. Alle warten gespannt, dass der Adler sich erhebt. Der König der Lüfte muss sich fühlen, wie ich früher in der Sportstunde: Es reicht nicht anwesend zu sein, man muss auch noch Kunststücke vollführen.

 

Bevor wir die Lodge erreichen, steht uns noch eine einstündige Wanderung bevor. Die Kamera im Anschlag dokumentieren wir gefühlt jedes Blatt, jedes Insekt und den Vogel. Die Farnblätter die an dem Berghang wachsen, könnten mir locker als Hängematte dienen. Von Josés Ausführungen bekomme ich nicht viel mit. Wie immer hänge ich hinterher. Dafür kann ich mich aber mit Clewer unterhalten, der anscheinend als Schlusslichtaufpasser abkommandiert wurde. Für ihn ist es erst die zweite Tour als Guide. Kein Wunder also, dass José ihn so hart ran nimmt. Der alte Hase ist hier schon seit 18 Jahren jede Woche unterwegs.

Angekommen in der Lodge trauen wir unseren Augen kaum. Hölzerne Hütten auf meterhohen Pfosten geben uns das Gefühl direkt in einen Reisekatalog gesprungen zu sein. Wir haben ungefähr fünf Minuten Idylle. Dann wird der Warmwassergenerator angeworfen...

Es wird wieder sehr schnell dunkel hier. Die ersten Glühwürmchen schweben über die Terrasse. Unserer Zimmer bestehen aus zwei Betten und darüber gespannte Moskitonetze. Wir verstauen unser Gepäck und setzen uns auf die Veranda. Magda stickt. Da kommt Swantje vorbeigerannt, frisch geduscht und mit nichts außer einem Handtuch bekleidet. Sie strahlt: „Wer hätte gedacht, dat ick mal im Handtuch und Bübchen Himbeerspaß (Duschgel) durch den Dschungel renne.“

Um sieben gibt es Abendbrot. Quinoasuppe als Vorspeise, Nudeln mit Tofu und Maispudding. José erzählt, dass Quinoa total gesund sei, man es aber nicht jeden Tag essen solle. Und seitdem es in Europa als Superfood bekannt und der Export gestiegen ist, wird es auch in Peru für mehr Geld verkauft. Dann schwärmt José von diesem Maispudding. Wir wissen schon, was auf uns zu kommt und verziehen die Gesichter. Aus Anstand nehme ich zwei Löffel von der dunkellilanen Masse und bemühe mich nicht zu würgen. Wie eingedickter Glühwein liegt mir der Pudding des Todes auf der Zunge. Ich schlucke und spüle gleich mit Kamillentee nach. Nach vielen Scherzen beim gemeinsamen Essen und weiblichen Glucksen und Gekicher taut José endlich auf. Clewer lacht sowie so bei allem mit, egal ob wir Deutsch, Spanisch oder Englisch reden.

 

Die erste Nacht im Urwald ist berauschend. Die Insekten sind mindestens genauso laut, wie die Autos in Lima. Dazu mischt sich das monotone Flussrauschen. Die Nacht ist mild und unter dem Moskitonetz fühlt man sich sehr sicher. So richtig glauben wir es noch nicht: Wir sind im Dschungel.

07.09. - Privat Führung und akrobatische Männer... ein Glückstag in Cusco

Luise

Nach dem anstrengenden Ausflug nach Aguas Calientes und Machu Picchu genießen wir die Nacht mit dem Wissen, am nächsten Tag keinen Termin oder feste Abfahrtszeit wahrnehmen zu müssen. Trotzdem geht es aber halb neun los. Wir wollen in ein Museum über Heilkräuter und Schamanismus besuchen. Unterwegs halten wir an einem winzigen Obstladen-Café und füllen uns die Bäuche mit Fruchtsäften und Kaffee. Keiner bekommt die riesigen Pötte leer. Außer Heda: „Da kann die mal sehen, was tschechische Frauen an Kaffee vertragen.“ Bevor wir gehen, macht Heda der Bedienung noch klar, wie gut es ihr geschmeckt hat und schenkt ihr noch eine Kleinigkeit. (Na, wer macht denn da seinen Rucksack allmählich leer, damit da mehr Alpaka reinpasst?)

 

Wir machen uns weiter auf den weg, biegen um eine Ecke und stehen vor Apukuntur. Vor wenigen Tagen waren wir hier zur Firmenbesichtigung gewesen. Heda kribbelt es schon in den Fingern: Sie will klopfen und nach Wollresten fragen. Gerade bittet sie Magda, für sie zu übersetzen, als die Tür auf geht und die zwei Chefs heraustreten wollen. Erst verstehen sie nicht genau, was wir wollen, bitten uns freundlicher Weise aber trotzdem herein. Heda folgt der Aufforderung und kommt mit zwei Tüten bunter Fädenrester wieder heraus. Glücklich rennt sie voran.

Zur Fuß von unserer Unterkunft zum Museum ist es knapp eine Stunde. Wir laufen an großen Straßen entlang. Hunde fressen aus den Müllbeuteln, die die Anwohner über Nacht hinaus gestellt haben. Wenn auch nicht so stark wie in Lima, stinkt es hier doch wahrnehmbar nach Abgasen. Die Sonne hat die Straßen noch nicht aufgeheizt. Es fröstelt uns also noch ein wenig... bis die ersten Steigungen und Treppen uns schwitzen lassen. Wir befinden uns gerade auf einer Anhöhe, schlängeln uns an Passanten vorbei und schauen die Mauer hinab zwischen die Wohnhäuser, als wir einen kleinen Markt entdecken. Frauen sitzen auf dem Boden und verkaufen eine Handvoll ihrer Ernte. Von einer Verkäuferin mit einem größeren Obststand, werden wir mit Kostproben gelockt. Die Finger verklebt von Physalis und Chirimoya verlassen wir den Markt, nicht ohne etwas Obst für das Abendbrot mitgenommen zu haben. Es zieht uns weiter durch die Straßen und wir treffen auf verschiedenste Trachtenläden. Wir betreten einen und lassen uns die verschiedenen Verzierungen und Kleidungsstücke erklären. Heda ist ganz hingerissen von der Bekleidung der Urubamba-Frauen. Schlichter als die Cusco-Tracht, wirkt Heda in dieser Kluft schon beinahe bescheiden. :)

 

Endlich im historischen Stadtkern Cuscos angekommen, suchen wir uns dumm und dämlich nach diesem Museum. Erst auf Nachfrage erfahren wir, dass dieses ominöse Museum seit sieben Jahren nicht mehr existiert... so viel zum Thema aktuelle Reiseführer...

Heda und ich machen uns zu zweit auf den Weg zu einem anderen Museum, was ich unterwegs gesehen habe. In einem kleinen Hof entdecken wir einen Inka-Indidaner in voller Montur. Hedas Augen leuchten. Auf einem kleinen Schild ist zu lesen, dass er für „alte Kulturen“ sammelt. Heda erzählt mir, dass sie schon von einem Theaterverein gelesen hat, der sich um die Aufrechterhaltung der alten Bräuche kümmert. Beim Vorbeigehen fragt er Heda: „Möchtest du eine Inkaprinzessin sein?“ und deutet auf den Thron neben ihm und einige Kostüme, die man sich anziehen könnte. Heda schüttelt den Kopf: „Ich will lieber ein Bild von dir.“ Da baut sich der Inka-Mann in heroischer Pose auf und Heda knippst.

„Das ist echter Schauspieler. Der weiß wie man sich hinstellen muss, für gutes Foto.“

Wir werfen Geld in die goldene Vase.

„Kommt morgen vorbei, da mache ich ein richtiges Inka-Ritual.“

 

Das Museo Quechua stellt sich als winziges Museum heraus. Überfreundlich werden wir gefragt, ob wir unsere Rucksäcke abstellen wollen. Als ich dann mein Skizzenbuch herausziehe, ist der Mann ganz interessiert. Auch Heda zeigt ihm ihr Skizzenbuch. Beim Anblick der eingeklebten Pflänzchen führt er uns gleich zum ersten Tisch und zeigt uns, mit welchen Pflanzen man so färben kann. Wir schreiben eifrig mit. Mit einem Winken meint er noch: „Nehmt euch etwas für eure Skizzenbücher mit.“ Ich meine nur zu Heda: „Siehst du, es war doch für was gut, dass du deinen Rucksack auf Machu Picchu verloren hast. So ein Opfer stimmt den großen Inka Gott gnädig.“ Heda lacht, aber im laufe des Tages sollte ich noch recht behalten. :) Das Museum beherbergt auch eine riesige Gipsstatue. Eine Frau und ein Mann umschlungen von einem Schlangenkörper an dessen einem Ende ein Pumakopf uns entgegen faucht und am anderen Ende ein Lamakopf nach oben schaut. Der Angestellte erzählt uns einiges über Pachamama, der Mutter Welt, der allmächtigen Göttin, die auch heute noch in vielen Teilen Südamerikas verehrt wird. Ihr werden die Opfergaben zu teil, die man an einigen Ständen auf den Märkten kaufen kann. Heutzutage hat sich das auch schon mit dem Marienkult vermischt wie man ihn aus katholischen Ländern kennt. Wir sind beeindruckt und erreichen den … Museumsshop. Der ist größer als das eigentliche Museum. Und jetzt verstehen wir auch, warum an den Exponaten Preisschilder hängen. Im letzten Raum sitzt sogar eine Frau an einem der traditionellen Webvorrichtungen. Es wirkt etwas aufgesetzt, aber dennoch hole ich mir die Erlaubnis ein, sie beim Handwerk zu filmen. Die Alten auf den Märkten sind ja etwas Kamerascheu, wie wir schon feststellen durften...

 

Im museo inka treffen wir auch wieder die anderen. Foto und Video sind dort nicht erlaubt, also nehme ich das Skizzenbuch wieder mit. Die Ausstellung beinhaltet mehr Keramik als Textil, aber aus den Verzierungen und Bemalungen die ich abzeichne, lassen sich schon wieder viele Geschichten erzählen. Es gibt sogar Mumien und wieder schlägt mein Herz höher, als ich groteske Bündel Mensch durch die Glasscheibe betrachten darf... es gibt einfach so unterschiedliche Arten mit dem Tod umzugehen und ihn zu zelebrieren. Das Inka Museum schafft einen guten Überblick über die verschiedenen Stämme aus präkolonialistischer Zeit, kann aber nicht mit den großen Museen Limas mithalten.

 

Wir sind kaum durch alle Hallen gewandelt, da hören wir von draußen infernalische Musik und als wir die Straße zum plaza de armas hinabstürzen, erblicken wir einen Umzug. Hunderte Menschen stehen vor der Catedral Basílica de la Virgen de la Asunción. Mit Statuen und Bilder der heiligen Maria voran, präsentieren sich die verschiedenen Gilden. Jede mit eigenem Blasorchester und Tänzern. Die Frauen tragen jeweils einfarbige Kleider mit Perlen besticken Tüchern und wallenden Röcken. Die Männer mit Glockenstiefeln, Guerreros genannt, springen in Formation zum Takt der Musik und wirbeln ihre bunten Hüte herum, um so den Kampf zwischen Gut und Böse zu unterstützen.

 

Hedas Opfer hat sich definitiv gelohnt.... mal sehen, was uns sonst noch so abhanden kommt und uns auf andere Weise wieder geschenkt wird.

 

Morgen bereiten wir uns auf Amazonien vor... danach geht es für vier Tage in den Urwald.

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

Luise

02.09. - Flüche und Haare... unser erster Tag in Cusco

Luise

Tief Luft holen ist das erste, was ich beim Aufstehen tue. Mein Herz schlägt schnell. Es ist ein kalter Morgen. Wer jetzt aber hier Reiseromatik erwartet, kann gleich wieder gehen und hinter sich die Tür zumachen. Die dünne Luft auf 3260 Metern Höhe macht mir leicht zu schaffen, aber das ist hoffentlich nur die Gewöhnung. Der Mann der Vermieterin, hatte uns gestern beim Wohnungsrundgang (und ja er hat uns alles gezeigt, wo die Töpfe stehen, wie das Licht angeht) eine Schale Cocablätter hingestellt. Trotz meiner Affinität zu Heilpflanzen und Kräutern... ich rühre das Zeug nicht an... Nur weil da 0,1 % Kokain drin sind, muss ich mich nicht wie eine 13 Jährige verhalten, die zum ersten Mal Schnaps angeboten bekommt. (Meine Mitreisenden halten mich an dieser Stelle sicher wieder für paranoid. Keine Sorge... es wird noch schlimmer. :) ) Das wirkliche Ausmaß der Höhe wir mir erst bewusst, als ich die Flasche Sonnencreme aufmache und mir ungewollt eine mächtige Portion entgegen fluppt. Alle Tuben sind aufgebläht. Füller und Tuschepinsel sind ausgelaufen. Aber klar, so ein Kubikmeter Luft wiegt auch was und wenn wir von der Küste gestartet sind, dann fallen die 3000 Höhenmeter drucktechnisch ganz schön ins Gewicht...

Der gemeinsame Morgen beginnt heute relativ spät, alle sind noch erschöpft von der Busfahrt. Aus der Nachbarwohnung kommt Musik. Heda kommt zu Magda und mir ins Zimmer getanzt. „Mädels, es ist Samstaaaag! Heut´ ist Markttaaaag!“

Den Tag zuvor waren wir des Abends kurz noch einkaufen gewesen. Schon im Dunkeln hatte uns Cusco verzaubert. Die Stadt liegt in einem Tal. Überall sind in der Ferne noch kleine Lichter zu erkennen. Als würde man sich in einem Sternenmeer bewegen. Es ist hier nicht still, aber ruhig. Eine Erleichterung nach dem lauten Lima. Trotz des fehlenden Lichts sind noch immer Kinder auf den Straßen unterwegs. Wir fühlen uns gleich sicherer. Und am Tage dann empfängt uns Cusco mit seiner ganzen Atmosphäre. Das lässt mich sogar meine brennenden Lungenflügel vergessen: Menschenmassen strömen über die Straßen. Bunte Tücher und Hüte, wo man nur hinsieht. Navi-Fabi hat uns schon einen Markt herausgesucht, aber schon auf dem Weg dahin eröffnet sich uns eine wahre Reizüberflutung: Stände und Läden dicht an dicht. Und davor sitzen, auch dicht an dicht, Frauen in ihren Ponchos und Röcken und verkaufen Gebäck, Streichhölzer und Putzmittel. Jemand schiebt eine Schubkarre voller Erdbeeren an uns vorbei. Es ist gerade Mittagszeit, die bunten Frauen essen Suppen oder Reis und trinken mit einem Strohhalm Limo aus Tüten. Streunende Hunde haben sich an jeder freien Stelle zum Schlafen hingelegt. In der Sonne ist es ziemlich warm. Aufgrund der Äquatornähe sind die Sonnenstrahlen viel intensiver. Denn kaum kommen Wolken auf, ist es schon wieder zugig kalt. Aber wir denken in diesem Moment an irgendwelche Befindlichkeiten. An jeder Ecke riecht es anders: Mal nach Ammoniak mal nach Obst, Fleisch oder Räucherstäbchen. Im San Pedro Markt angekommen, gehen uns bald die Augen über... Heda muss schon lachen, wenn Magda und ich, wie zwei Elstern an jedem Schmuckstand kleben bleiben. Schon am ersten Stand mit Bändern, bleiben wir stehen. Die Farbenpracht erschlägt einen erstmal. Die Nische, in der die Waren aufgehängt und gestapelt sind, ist keine zwei Meter breit. Zwischen uns drängt sich die Verkäuferin durch und stellt sich in den armlangen Verkaufsraum. Sie ist so winzig! Mit lieben Augen schaut uns die alte Dame an. Magda fragt gleich nach den Bändern und wir geben die Bestellungen auf. Magda erzählt von unserem textilen Hintergrund und wo wir herkommen. Die Dame spricht irgendeinen Dialekt, weshalb nicht alles verständlich ist, aber wir lächeln weiter. Heda indes ist bis an die Rückwand des Standes vorgedrungen und zieht noch einige Schätze hervor. Die Verkäuferin erzählt, dass alles hier auf den Dörfern hergestellt wird. Als wir uns verabschieden, schenkt Heda ihr noch eine Kleinigkeit aus Deutschland. Die kleine Frau freut sich und schließt Heda in die Arme... Ein rührender Moment, der uns gleich noch positiver stimmt. Weiter geht’s durch die riesige Halle. Überall gibt es was zu Essen, frisch zubereitet. Das Filmen wird zunehmend schwerer. Gerade die älteren Leute werden richtig böse. Obwohl ich schon keine einzelnen Personen sondern nur Raumsituationen aufnehme. Die Angst, mit der Kamera die Seele eines Menschen einzufangen, ist immer noch gegenwärtig. Es ist unglaublich interessant, dass der Mensch dazu neigt, Dinge, die man nicht kennt oder versteht, zu verteufeln und ihnen damit aber einen hohen Stellenwert einräumt. Ihnen Wichtigkeit verleiht, obwohl sie für einen selber einen bösen oder schlechten Aspekt darstellen und man selber diesen ja eigentlich so klein wie möglich halten will... Eine Frau hat mich sogar mit einem Bündel Trockenblumen bedroht. Aus Angst, dass sie mich gerade verflucht hat, male ich ein Schutzsymbol mit der linken Hand in die Luft... Nicht das ich an sowas glaube. (Knock. Knock. Knock. Ich klopf dreimal auf Holz.)

Heda trinkt genüsslich einen Sapallosaft und weiter durchforsten wir die Halle. Bepackt mit den ersten Arbeitsmaterialien laufen wir die Straße wieder hinab. Eine Gasse ist besetzt mit unzähligen Kräuterfrauen, die auf kleinen karierten Tüchern ihre Ware anbieten. Für mich lautet also die Aufgabe am Abend: Vokabeln raus suchen und mir morgen möglichst viel über die Pflanzen erfragen.

 

Ein Punkt auf meiner Peru-to-Do-Liste, der erst vor Ort dazu gekommen ist: Hier zum Friseur gehen. Die Gelegenheit ist günstig. Heda, Magda und ich betreten einen winzigen Friseursalon. Fünf Friseure schneiden hier im Akkord. Haare waschen ist nicht. Preis pro Haarschnitt: 5 sol – umgerechnet 1,70 € … Ich bekomme eine Mappe in die Hand und setzte mich in den Frisierstuhl. Bilder von Stars und Sternchen aus aller Welt starren mich an. Ich blättere eine Weile... die Friseurin bittet mich freundlich auf den Warteplätzen platz zu nehmen, damit sie derweil noch jemand anderen dran nehmen kann. Mir ist das nix. Ich zücke mein Notizheft und zeichne schnell die Frisur, die ich habe will. Gerade wird eine andere Friseurin frei. Sie bittet mich Platz zu nehmen. Ich zeige ihr die Zeichnung und dank Magdas Übersetzung geht es auch sofort los. Ich scheine einige Leute im Salon zu belustigen... Es freut mich immer, wenn ich Leute zum lachen bringen kann. Heda filmt das Ganze. Magda lächelt mich an. Die erste Herausforderung liegt schon mal im Kämmen. Ich habe dünnes, gelocktes Haar, nicht wie die Peruaner mit ihrem schönen, kräftigen und glatten Schopf. Ganz zart und vorsichtig schneidet die Frau mir die Haare. Nass gesprüht und aalglatt bekomme ich einen Longbob beschnitten und den Nacken rasiert. Dann bin ich fertig. Erst auf Nachfrage föhnt sie mir die Haare... sagen wir mal bügeltrocken. Im Moment kann ich gar nicht sagen, ob ich zufrieden bin. Als ich in den Spiegel schaue, blickt eine dicke Severus-Snape-Variante von mir zurück. Ich bezahle mit einem zehn sol Schein und sage, dass das so stimmt. So richtig annehmen will sie das Trinkgeld aber nicht. Als Heda ihr auch noch ein deutsches Mitbringsel überreicht, will sie uns die fünf sol wieder geben. Mit einem Lächeln und vielen Muchas Gracias verlassen wir den Laden. Der Boden liegt voll mit schwarzen Haaren und ein paar roten Fusseln von mir... Ich bin stolz. Auf einer solchen Reise sollte man immer etwas vom alten Selbst zurück lassen... und wenn das für mich nur einige gefärbte Hornfäden aus Keratin beinhalten... umso besser.

 

Morgen ist Stadtrundgang angesagt... und vielleicht finden wir noch andere Märkte. :)

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

 

Luise

01.09. - Alles für die Kunst.... bis zum Erbrechen

Luise

Heute wird es Zeit sich von Lima zu verabschieden... und das fällt uns auch nicht gerade schwer. Die tosende Metropole mit ihrem Smog und Lärm erinnert trotz ihrer südamerikanischen Exotik doch an jede andere Großstadt. Wir packen also alles zusammen und wundern uns, wie wir vor der Anreise alles so gut verstaut hatten. Den zweiundzwanzig Stunden Busfahrt sehen wir positiv gestimmt entgegen. - Wir haben Schlafplätze und Internet. Da kann ja nix schiefgehen... denken wir ganz ungeniert. Außerdem haben wir Tonnen an Essen vorbereitet. Wir lassen es uns gut gehen... denken wir ganz ungeniert.

Zum Busbahnhof brauchen wir zwei Taxis – So viel Gepäck haben wir. Auch der Sicherheitsmann vor dem Check-In Schalter äugt komisch, als da fünf Gepäckbündel auf zwei Beinen ankommen. Die Einheimischen tragen eine Sporttasche bei sich... Und ich erblicke ein Schild... Gepäck im Frachtraum maximal 20 Kilo! Ich zucke kurz zusammen. Habe ich doch unseren gesamten Kücheninhalt pflichtbewusst mit in meinen Rucksack gestopft. Das Kilo Salz, Zucker, den Rest Kartoffeln und Zwiebeln. Ich schwitze kurz, als ich die Kraxe auf die Waage lege. 15kg... 16,7kg... 17,2kg... 18- der Gepäckbeauftrage zieht den Rucksack von der Waage und lächelt kurz. Hab ich ein Schwein! Das nächste was mir an den Schildern auffällt... keine scharfen Gegenstände im Handgepäck... und es gibt nen Metalldetektor und Rucksackkontrolle. Still und heimlich lasse ich mein super-duper tolles, multifunktions-Survival-Taschenmesser von meiner super-duper tollen, multifunktions-Survival-Schenkeltasche zwischen meine Wechselklamotten im Rucksack verschwinden. Indes hat Magda zwei Massagesessel entdeckt. Mit hopsendem Schritt springt sie darauf zu, lässt sich in einen dieser Sitze fallen und wackelt mit dem ganzen Körper, als sei der Sessel just in dem Moment angesprungen. Ein Piepen ertönt von irgendwo her. Wir quatschen weiter und warten darauf, dass wir endlich in den Bus gelassen werden. Das Piepen nervt schon etwas. Ein Wachmann läuft zielstrebig an mir vorbei... zum Massagesessel. Er bittet Magda aufzustehen... und das Piepen verstummt.

Die Sicherheitskontrolle stellt sich als harmlos raus... noch nie hat jemand so zart mein Gepäck abgetastet.

Unsere Plätze befinden sich im unteren, hinteren Teil des Busses. Im Fernseher läuft ein Film über einen Affen im Beduinenkostüm und Smartwatch am Handgelenk. Ein Busfahrer läuft mit einer Kamera durch die Reihen und fotografiert jeden Passagier. „Für die Sicherheit.“, meint er nur. Ich lächele in die Kamera. Dann überlege ich, ob ich nicht lieber eine Grimasse hätte schneiden sollen... das macht dann die Identifikation meiner Leiche vielleicht einfacher. Aber auf meiner Peru-to-Do Liste steht sowieso ein „Nicht sterben“-Stichpunkt.

Wir richten uns schon beinahe häuslich ein, als der Bussteward seine Runde dreht und uns fragt, ob wir nicht lieber oben sitzen wollen. Wir sind erst skeptisch, dann ziehen wir doch um... den Göttern und den 22 Stunden Horrorfahrt sei Dank! In der oberen Etage hat jeder genügend Platz um sich waagerecht hinzulegen... also fast. Ich mit meinen 1,63m stoße im Liegen schon an den Sitz meines Vordermanns. Dann geht’s endlich los. Wir verlassen Lima und beim Durchfahren der Vororte bekommen wir langsam einen echten Eindruck von Peru. Kastige Häuser, zerrüttet und unverputzt wie zufällig an den Berg geschraubt, stehen Wand an Wand. Riesige umzäunte Abbaugebiete. Menschen in orangen Anzügen. Wir fahren ewig gerade aus, bis wir in der Dunkelheit nichts mehr erkennen können. Soweit geht es uns allen noch gut. Magda und ich schaffen es sogar, uns über das Abendbrot lustig zu machen. Der Pudding erinnert eher an Schnupfen und das Zitronenbonbon schmeckt nach Klostein. Es steigen auch noch Passagiere hinzu. Ein älterer, großer Peruaner setzt sich neben Magda. „Der Schnarcht bestimmt.“, meint sie bloß und sie behält recht.

Die Irrfahrt beginnt erst, als es in die Berge geht. Die Serpentinen und Bergumkurvungen halten uns schließlich wach. Gefühlt zweitausend 180-Grad-Kurven lassen unsere Mägen protestieren. In der Nacht höre ich Würgelaute. Ich als Sympathiebrecher halte mir die Ohren zu und denke über meine Masterarbeit nach, um ja nicht in Versuchung zu kommen. Das meditative „Fühle die Kurve. Sei die Kurve.“ funktioniert auch nur bedingt. Aber am schlimmsten sind die Toilettengänge. Zum Glück gibt es im Klo überall Haltegriffe. Ich schaue mich für einen Moment im Spiegel an: Eine leichenblasse, zerzauste Luise schaut zurück. Dann werde ich Zeuge, wie die Spiegelluise in einer beherzten Linkskurve mit der Schläfe an die Klotür kracht. Auf dem Rückweg habe ich zwar eine leere Blase, aber ich lande beinahe auf dem Schoß eines schlafenden Peruaners. Das Mädchen neben ihm kichert. Ich will auch lachen, habe aber das Gefühl, dass meine Mundwinkel am nächsten Auto hinter uns befestigt sind.

Endlich geht die Sonne auf... und jetzt hat man wirklich das Gefühl in Peru zu sein. Berge, Wälder... es ist so schön... eigentlich will ich diese Momente mit niemanden teilen. Ich will sie einschließen und für mich behalten... pflichtbewusst zücke ich die Kamera und nehme auf. Dafür hat sich der flaue Magen echt gelohnt. Felsen ragen bedrohlich über uns hinweg. Pflanzen, die man sonst nur von Omas Balkon kennt, wachsen hier zwei Meter hoch. Ein atemberaubender Anblick.

Zum Frühstück müssen wir stehenbleiben, weil uns sonst das Essen vom Tablett rutscht. Wir Atmen alle auf.

„Also ich muss heute nicht in Museum, dafür morgen in Kirche.“, sagt die blasse Heda trocken.

Auf der weiteren Fahrt begegnen uns kleine Dörfer und Höfe: Überall wird gebaut. Die Stahlträger der in Zement gegossenen Pfeiler aller Häuser ragen senkrecht aus den Dächern. Es sieht alles nach der Devise aus: Hier kommt noch was hin... irgendwann. Derweil werden die Spitzen der Stäbe mit Plastikflaschen und Eimern abgedeckt oder als Wäschestander genutzt. Auf so gut wie jedem Dach, findet man eine Kuh- und Stierfigur befestigt. Als eine Art Schutzsymbol stehen sie oft unter einem kleinen Kreuz. Die Vermischung zweier Religionen, gebannt auf den höchsten Punkt des Zuhauses. Auf den Höfen tummeln sich die Tiere: Hunde, Esel, Kühe, Schafe, Ziegen... nicht eingezäunt schaut so manches Vieh zu unserem Bus hinauf. Gepflügt wird hier noch mit Hand und Ochsenkraft. Bunte Kleidung und diese tollen Kopfbedeckungen entdecken wir nicht nur, es scheint wirklich Alltagskleidung zu sein. Das klingt jetzt alles romantisch... Magda und ich schauen nur im Liegen nach draußen. Zeichnen, fotografieren... bewegen... Dinge, die nicht möglich sind. Endlich kommen wir an. Der Bus bleibt stehen. Ich weiß nicht mehr, wie ich mich aus dem Bus manövriert habe, auf jeden Fall stehe ich dann irgendwann bei den anderen. Wir werden schon von einem Taxifahrer drangsaliert. Fabi sucht die Adresse. Magda verhandelt noch über den Preis. Schließlich fährt uns der schlecht gelaunte Mann mit zwei Taxen in die Unterkunft.

ENDLICH DA! WIR HABEN ÜBERLEBT!

 

Morgen ist Samstag. Markttag! Mal sehen, wie es uns in 3300 Metern Höhe ergeht.

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

 

Luise

30.08. - museo textil precolombino... und ein Elektronikgeschäft

Luise

Der Tag beginnt erstmal mit einer Katastrophe: Das Kartenlesegerät hat den Geist aufgegeben. Sprich Datensicherung is´ nich! Aber die Festplatte zeigt ohnehin nichts mehr an! Als ich den Computer neu starten will, hängt er im Wartebildschirm fest... Mit Blog hochladen wird das also nix... Ich ärgere mich grün und blau, aber schließlich haben wir heute noch das museo textil precolombino vor uns. Vielleicht funktioniert es danach wieder...

 

Zumindest der Wachmann hat guten Laune. „Moin!“, sagt er in gebrochenem Deutsch und erntet ein Lächeln von den fünf Weibern.

Das Museum beschäftigt sich, wie der Name schon vermuten lässt, mit Textilien aus der präkolonialistischen Zeit. Eine Unglaubliche Sammlung aus sakralen Stoffen, Bekleidungen und vor allem Techniken, die sich stammspezifisch zuordnen lassen. Übers Knoten, Flechten, Nähen, Färben und der Außergewöhnlichen Kombination dieser Verfahren, entstehen diese typisch geometrischen Muster und Figuren. Symbole auf der Kleidung verleihen dem Träger Macht und Kraft in verschiedenen Bereichen. Ich selber drehe beim Stricken und Häkeln schon bei Nadelstärke 3 durch... Die filigranen Arbeiten müssen Tage und Wochen gedauert haben... Hut ab für so viel gottesfürchtiger Motivation. Wieder begegnen uns diese Trockenmumien... und wieder bin ich fasziniert von diesen textilen Särgen. Das kleine Privatmuseum bietet einen guten Einblick in die urtypische Textilgestaltung und lehrt uns, was alles auch mit begrenzten Möglichkeiten umsetzbar ist.

 

Nach so viel Kulturhistorischem Input, steht für mich erstmal die Informationssicherung im Vordergrund: Ich brauche ein neues Kartenlesegerät. Wir verirren uns also in ein großes Elektrowarengeschäft. Überall sind Theken mit freundlich interessierten Verkäufern. Hinter ihnen an der Wand hängen tausend Produkte. Wir fragen uns also nach besagtem Gerät durch. Der Verkäufer zeigt uns das Teil... ist auch das einzige von der Sorte. Ich will es kaufen, lege das Geld auf den Tresen und warte. Der Mann fragt nach Magdas Namen und tippt ihn in die Kasse. Er gibt mir einen Zettel. Wieder warte ich... bis er auf die Kassierstelle hinter mir deutet. Ok, erst bezahlen. Wir schauen auf den Zettel... anscheinend hat irgendeine MAKARENA diesen Kartenleser geordert. Ich bezahle im panzerglas gesichterten Kassenbereich. Wieder erhalten wir einen Zettel, diesmal sogar doppelt gestempelt... Dann gehen wir zu dem Typ an der Theke zurück. Dieser schickt uns weiter... Wir gehen weiter... und weiter... und weiter. Technik überall. Alle laufen hektisch durcheinander, mit Zetteln bepackt. Aber keiner hat sein Gekauftes in der Hand. Magda fragt wieder nach. Dann finden wir endlich, was wir suchen: Eine weitere Theke mit weiteren Angestellten, die Plastikbeutel im Tausch gegen die ominösen Zettel aushändigen. Luises erster Einkauf in Peru wird also erfolgreich abgeschlossen!

 

Als uns der Laden am anderen Ende ausspuckt, herrscht angespannte Stimmung. Drei wollen mit dem Taxi nach Hause. Heda und ich wollen lieber laufen. Magda ruft pflichtbewusst schonmal das Taxi, als Fabi uns noch den Weg über ihre App erklärt. Der Taxifahrer hupt, Magda ruft, Fabi steigt ein... Und wir zwei stehen da... mit einem halben Straßennamen. … Avenide Petit... damit können wir nix anfangen. Aber neben an ist ein kleiner Markt mit bunten Ständen... Wenn wir schon verloren gehen, dann können wir uns auch Zeit lassen. Der Markt stellt sich als eine Art Viertel heraus. Souvenirstände, wo das Auge hinreicht. Alle verkaufen Ähnliches. Die Kommunikation für zwei nicht Spanisch sprechende Europäer gestaltet sich als entspannt. Zumindest die Zahlen verstehe ich. Alles andere funktioniert über Hände. Heda bringt mich auch wieder zum Staunen: Mit ihrer Universalsprache bekommt sie alles was sie will. Überall ein -enco an jedes Wortende und Zack!

Aber ich löse die Situation lieber auf, bevor unsere Lieben noch einen Herzinfarkt bekommen: Ich schreibe nicht aus einem Obdachlosencafe mit freiem W-Lan. Wir haben es tatsächlich zurückgeschafft... und mussten feststellen, dass uns die App hinzu über riesige Umwege geschickt hat. Heda/Luise:1 ; Technik: 2473643 … Wir holen langsam auf!

 

Fabi kränkelt am Abend ziemlich rum. Wir kümmern uns alle rührend um sie. Ich lasse sie sogar in meinem Bett schlafen, damit sie mit Magda Bibi Blocksberg hören kann. In ihr Bett kriegen mich aber keine Zehn Pferde. Wer weiß, welcher Bazillus dort haust. Ich verbringe die Nacht also auf dem schiefen Sofa. - Einen Arm über die Rückenlehne gehängt, damit ich nicht runter rolle. Die letzte Nacht in Lima lässt mich das Hupkonzert schon beinahe genießen...

 

Morgen brechen wir Nachmittags nach Cusco auf. 22 Stunden Fahrt... zum Glück haben wir noch acht Klopapierrollen übrig...

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

 

Luise

29.08. - museo de arte de lima... Freiheit unsrem Hinterteil!

Luise

Ich habe schon über einige Taxifahrten berichtet. Das scheint sich auch schon rumgesprochen zu haben, denn als wir aus der Wohnung treten und an der Straße ein Taxi rufen wollen... fahren sie alle an uns vorbei. Keiner hält an... vielleicht zehn Taxis später, Magda hält vehement die Hand raus, kurvt endlich einer viel zu schnell um die Kurve und hält mitten auf dem Zebrastreifen an.

„Mhm, das ist ´n schmieriger.“, meint Magda bloß. Wie im Clownsauto beginnt die Fahrt.

 

Hier ein paar Auszüge des Gesprächs:

Fahrer: „Wo kommt ihr her?“

Magda: „Deutschland.“

Fahrer: „Ah, Deutschland. Es gibt hier sehr viele Deutsche. - In allen Stadtteilen. - Ich kenne sie alle.“

 

Fahrer (zu Heda auf Magda zeigend): „Sie ist schön, oder?“

Magda (klopft Heda auf die Schulter): „Das ist übrigens meine Mutter.“

Fahrer (seine Augen werden größer): „Lüge!“

Alle lachen.

 

Fahrer: „Seit ihr vergeben?“

Magda: „Wir haben alle einen Freund. Heda ist sogar verheiratet.“

Fahrer: „Ihr solltet lieber einen Peruaner heiraten.“

Magda: „Mhm nee, die sind so klein.“

Fahrer: „Deutsche Männer sind wohl größer?“

Magda: „Ja.“

Fahrer: „Peruaner sind zwar klein, aber gut....“

Im Verlauf seiner Erzählung hoffen wir inständig, dass es immer noch um die Körpergröße geht...

Magda: „Hast du eine Frau?“

Fahrer: „Ja und einen Sohn... dreieinhalb Jahre... er heißt Rodrigo...“

Erst danach hört er auf von Peruanern zu schwärmen.

 

Fahrer: „Ich bin auch groß.“

Magda: „Ja?“

Fahrer: „1,75 m“

Magda: „Oh ja, dass ist schon groß... für nen Peruaner.“

Fahrer: „Auch groß in Deutschland?“

Magda: „Naja, eher so Mittel. Heda ist 1,87.“

Der Fahrer macht wieder große Augen.

Fahrer (zum gefühlt hundertsten mal) : „Ich warte am Museum auf euch, dann fahr ich euch noch weiter.“

Magda: „Nein, nein. Wir wollen dann laufen.“

 

Irgendwann sind wir dann endlich am parque de la expocition und steigen aus.

„Passt auf euch auf!“, ruft er noch.

Das ist wieder mal eine Situation, in der jeder von uns froh ist, nicht allein unterwegs zu sein...

 

Unser heutiges Ziel ist das museo de arte de lima. Die dort ansässige Dauerausstellung zeigt uns den Kulturhistorischen Verlauf Perus. Von den Inka, mit ihren ausgefeilten Knotensystem zur Nachrichtenübermittlung und der aufwendigen Stickerei auf verschiedenen Strickwaren, über Plakatkunst aus den 20ern bis hin zur Zeitgenössischen Kunst. Die Kunst der Kolonialzeit schauen wir uns an, aber erst wenn die Räume dunkler und akklimatisiert kühl werden, schlägt unser Herz höher. Gerade die archaische Kunst beinhaltet so viele Textilien. Für die geometrischen Gestaltungselemente gibt es verschiedene Bedeutungen: Das bekannte stufenförmige Dreieck scheint ein Symbol für die Wellen, die Macht des Meeres zu sein, kann aber auch Thron bedeuten. In Verbindung mit Spiralen, spricht man eher von Bergen, von denen das lebensspendende Wasser herunter fließt.

Der Wachmann muss uns sogar freundlich zurückpfeifen, als wir halb auf der Glasablage liegen, um das bestickte Tuch zu betrachten.

Ein besonderes Schmankerl ist die Ausstellung NASCA... über - wer glaubt´s- die Nasca-Kultur. Den meisten wird die riesige Ameisenzeichnung oder die Kringel in der Wüstenlandschaft bekannt sein. Besonders faszinierend aber sind die Trockenmumien. Mit ihren länglichen Hinterköpfen, galten sie als der Beweis für die Alientheorie... Tatsächlich war ein langgezogener, deformierter Kopf das Schönheitsideal. Schon Kinder bekamen Bretter an den Kopf gebunden, um dem Trend zu entsprechen... Aufgrund der großen Hitze im Nasca Gebiet mumifizieren die Leichen schnell in ihren Schichten aus Laken und Tüchern... und was für Tücher! Schaut euch einfach die Bilder an! Die gestickten Muster erzählen ganze Geschichten. Für einen Tag war das unglaublich viel Input an Inspiration.

Ein triviales Erlebnis ist auch der Toilettengang: Peruaner wischen ja den lieben langen Tag ihre Fußböden und Gehwege. Ich verschwinde also in der Kabine, lege meine Tomb Raider-Suvival-Hüfttasche auf den Mülleimer, als mir die Spiegelung in die Nachbarkabinen auffällt. Ich habe in diesem Moment Einblicke Leute! Es gibt auch keinen Winkel in dem nichts sichtbar ist... und wenn ich die anderen sehen kann, können mich die auch sehen!... Dann fällt mir wieder ein, dass ich in Peru bin... spielt also keine Rolle... Die anderen warne ich vor, aber wenn die Blase drückt ist eh alles egal. Man fühlt sich dem Land auch gleich verbundener, wenn man seinen weißen Hintern den Einheimischen präsentiert... das stand ja eh auf meiner Peru-to-Do-Liste...

 

Den späten Nachmittag verbringen wir am Pazifik. Es ist kalt und düster. Nur einige Surfer nutzen die stürmische See für einen Wellenritt. Verliebte Pärchen machen Selfies mit brechenden Wellen im Hintergrund. Ein Hobbyfotograf leitet sein vollbusiges Model an, im Titanic-Style (im dunkelgrünen Rollkragenpullover und Turnschuhen, die Arme von sich gestreckt) zu posieren. Niemanden scheint aufgefallen zu sein, dass jemand zwischen die Felsen gekackt hat.

 

Daheim erwartet uns eine durch das Wohnzimmer gespannte Wäscheleine mit klammen Klamotten. Es ist einfach viel zu kalt hier. Die hässlichen Synthetikklamotten machen sich ausnahmsweise mal bezahlt.

 

Es war ein anstrengender Tag mit Reizüberflutung und morgen geht’s weiter ins Textilmuseum von Lima.

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

Luise

 

 

P.S.: Ich träume heute Nacht auf jeden Fall von unbekleideten Hinterteilen...

28.08. - Ana Teresa Barboza... Stickerei 2.0

Luise

Der Tag beginnt wie immer mit einem Hupkonzert. Heute geht es am Nachmittag zur Stickkünstlerin Ana Teresa Barboza. Vor dem Frühstück wollen Magda und ich nochmal schnell einkaufen gehen. Brötchen holen und so... Wir kennen ja den Weg... ist klar.

„Wir müssen hier jetzt rein.... das sieht richtig aus... Solang wir die große Straße im Blick haben, sind wir richtig... Wo ist die große Straße?“

So geschieht es, dass wir zwei schon vor dem Morgenmahl die vier-Kilometer-Marke geknackt haben...

 

Nach dem Frühstück werden wir von unseren Fenstern aus Zeuge einer riesigen Demo. Alle Autos stehen still. Vor unserer Abfahrt ist der Menschenzug allerdings schon wieder vorbei. Wir nehmen also ein Taxi. Diesmal weiß der Taxifahrer sogar selber, wo er hin muss. Die Sonne scheint. Im Radio läuft Hotel California und ein Duftbaum in Form einer lachenden Erdbeere hängt am Rückspiegel. Wie wir so gequetscht auf der Rückbank sitzen, ergreift uns ein Gefühl von Unabhängigkeit.

Fünf Frauen... allein in Peru... mit Hoffnungen und Träumen... Wo kommen sie her?... Wo wollen sie hin?... Oh, ein Müllmann... Wo kommt er her?... Wo will er hin?... Reiseromantik pur. Der Taxifahrer stellt die Musik lauter. Offenbar geht ihm unser Geschnatter auf den Geist.

Wir kommen in Barranco an. Die kubischen Häuser des Künstlerviertels erstrahlen in bunten Farben. Entzückt schauen wir die verschachtelten Gassen auf und ab. An einem Auto geht die Alarmanlage los und als wir den Block umrunden, sitzt ein Mann in jenem Auto der hektisch nach dem richtigen Knopf sucht. Im Hauseingang steht eine ältere Dame. Die Hände in die Hüfte gestemmt, fixiert sie den unfähigen Autobesitzer mit ihrem Todesblick. An einer Kirche geht ein Mönch mit Krückstock spazieren. Die Frau neben ihm beschimpft mich auf spanisch und gestikuliert wild auf meine Kamera. In ihrer Erregung ist ihr wohl der Deckel auf der Linse gar nicht aufgefallen. Was die wohl zu beichten hat?

Die Adresse die wir suchen, ist schnell gefunden. Das Atelier, dass sich Ana Teresa Barboza mit anderen Künstlern teilt, erstrahlt in einem prächtigen Lila. Über die Textilkünstlerin hatte Magda schon einmal berichtet. Wer also nochmal nachlesen möchte. 

 

Schon während der Vorbereitung auf das Interview sind wir alle aufgeregt. Magda notiert alle Fragen auf Spanisch – Sie wird das Interview führen und für uns übersetzten. Der erste repräsentative Auftritt der buntesgold-Gruppe. Das baut schon etwas Druck auf. Und als wir dann die Straße auf das Haus zu gehen, werden ihrer Schritte immer langsamer. Ich schiebe Magda also sanft weiter. Wir klingeln und Frau Barboza öffnet uns das Gatter: Eine kleine, zarte Frau mit großen, dunklen Augen und Kurzhaarfrisur.

„Oh, viele Mädels!“, meint sie und lächelt schüchtern, als sich jede von uns mit einem Händeschütteln vorstellt und an ihr vorbei ins Haus stapft. Beide Seiten sind leicht nervös, lächeln aber in die Runde. Frau Barboza schickt uns weiter durch ein Atrium mit einer Kükenförmigen Kinderreitschule und baumelnder Girlande. Christian, ein Künstlerkollege mit langem Haar und Basecap begrüßt uns freundlich. Ein schwarzer Hund schnüffelt an den Beinen der fünf ehrfürchtig dreinschauenden Textilerinnen. Hinter einer hohen Holztür verbirgt sich Frau Barbozas Atelierraum. Die Wände sind bestückt mit Skizzen von Köpfen, Piktogrammen von Steinen und Regalen mit Garnen und anderen tollen Materialien. Auf ihrem Arbeitstisch liegt ein Webrahmen und ein riesiger Stein... aus dem Fäden wachsen?! Eine ihrer neuesten Arbeiten. Im September hat sie eine Ausstellungseröffnung in Lima. Da müssen wir vor unserer Abreise unbedingt nochmal vorbeischauen! Das Gespräch gestaltet sich als äußerst entspannt. Eine Mischung aus Spanisch, Englisch und vielen freundlichen Blicken. Die Fragen zu ihren Arbeiten beantwortet sie mit sympathischer Bescheidenheit. Sie versteht selbst gar nicht, warum ihre Werke so viral durch die Decke gehen. Auch die typische Frage nach der Inspiration beantwortet sie galant und ganz natürlich: Inspiration kommt von überall her!

Das ganze Interview werdet ihr dann im Film sehen... ich will ja noch nicht zu viel vorwegnehmen...

Frau Barboza zeigt uns noch einige ihrer Arbeiten und wir staunen nicht schlecht. Ihre Ideen sind sehr einfallsreich und auch für ein breites Publikum nachvollziehbar. Die Stickerei ist im Moment ihr präferiertes Medium, allerdings widmet sich die studierte Malerin auch anderen Techniken, zum Beispiel der Fotografie. Man spürt wie frei diese Frau in ihrem Denken und Tun ist.

Frau Barboza indes ist genauso an unserem Aufenthalt hier interessiert und befragt uns zu unserem Projekt. Zum Schluss bittet Heda sie, noch etwas auf ihr textiles Tagebuch zu zeichnen. Es ist ein Wickelrock, der sich über die Reise hinweg mit Zeichnungen und Stickereien füllen soll. (Diesen Rock könnt ihr dann auch in unserer Ausstellung bewundern.) Frau Barboza beginnt mit scheuem Blick ein paar Blätter darauf zu zeichnen. Kaum ist sie fertig, faltet sie den Stoff schnell zusammen. Da haben wir es wieder, große Künstler machen kein Aufhebens um sich...

Mit viel Filmmaterial und einigen Empfehlungen was unseren Aufenthalt betrifft, verabschieden wir uns.

Jetzt wirkt dieses lila Haus noch bemerkenswerter, weil wir wissen, was darin steckt...

 

Unsere Rückreise gestaltet sich wieder mal leicht abenteuerlich. Ein Hoch auf Fabis Navigationsapp! Ohne die wären wir noch mit dem Taxi von vorgestern unterwegs. Auf der Suche nach unserer Unterkunft... Auch dieses Mal braucht unser schnurrbärtiger Fahrer Navigationshilfe.

Wer unsere InstagramStory verfolgt weiß, dass wir den Abend singend verbracht haben. - Erleichtert, dass der erste Meilenstein unser Reise geschafft ist.

 

Bleibt weiterhin gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

 

Luise

27.08. - Besorgte Polizisten...

Luise

Der zweite Morgen gestaltet sich genauso entspannt wie der vorherige. Wir alle haben immer mehr das Gefühl angekommen zu sein. Social-Media kostet uns schon vor dem Aufstehen viel Zeit. Zwischendurch besteht die Hoffnung, dass der Verkehrslärm an einem Sonntag abnimmt. Sechs Uhr früh wissen wir, dass Wochentage keine Rolle spielen.

Den Sonntag wollen wir dem Altstadtkern Limas, dem Lima Centro, widmen. Wir laufen also los, überqueren große Straßen und erfreuen uns an jedem Hausschnörkel und jeder alten Oma. Die Peruaner sind nicht weniger belustigt über uns: Mit Rucksäcken und Plastikjacken laufen wir herum. Ich in Sportklamotte, meinen Gürteltaschen, der Kamera mit flauschigem Mikro und nicht zu vergessen meiner Schirmmütze, sehe laut Magda wie ein richtiger Filmer aus... Ein bisschen merkwürdig ist es schon. Wir scheinen die einzigen Touristen hier zu sein. Wir laufen also so den Bürgersteig entlang, als plötzlich ein Polizeiauto neben uns hält. Der Polizist steigt aus und erklärt mir etwas in schnellem Spanisch. Er schaut freundlich, was mich etwas beruhigt. Schnell übernimmt Magda das Gespräch. Ich nicke immer, wenn der Polizist mich an sieht. Zwischendurch hält er sich die Finger wie eine Pistole an den Kopf. Zum Glück versteht Magda. - Ich kann nichts tun, außer ihm ein verunsichertes Lächeln zu schenken. Dann steigt der Polizist wieder ein. Magda übersetzt: Wir sollten am besten die Kameras wegpacken. Die Calle Enrique Villar liegt in einem gefährlichen Viertel. Schnell bekommt man die Pistole auf die Brust gesetzt. Und jetzt haben die Polizisten noch Mittagspause. Alles bliebe für die nächsten zwei Stunden unbewacht. Wir sollen bis zum Ende der Straße vorsichtig sein. Gerade Sonntags wird viel geklaut. Unglaublich nett, denke ich mir. Ein bisschen eingeschüchtert geht es weiter. Keine fünfhundert Meter weiter streckt uns ein alter Mann den rechten Arm zum Hitlergruß entgegen, nachdem er uns hat sprechen hören.

Vor dem parque de la exposición erliegt Magda der Versuchung und kauft Churros, einem frittierten Gebäck mit aromatisch süßer Füllung. Langsam kommen wir in touristischere Gefilde. Der Park ist voll mit vielen kleinen Kindern und vor der Kamera posierenden Jugendlichen.

 

Die Einkaufsmeilen im Zentrum bestehen aus winzigen Läden mit allem Möglichen zum Verkauf. Menschliche Statuen wo man auch hinsieht. Herrscher der Unterwelt, Mienenarbeiter, Sklaven, Soldaten und ein schwarz bemalter Elvis... alles relativ düster.

Auf dem Hinweg haben wir mit Heda darüber gesprochen, ob sie nicht auch Straßentheater machen wolle. „Hab nix mehr in Rucksack gekriegt.“, meint sie bloß. Aber Lima meint es gut mit ihr, denn auf einer der überfüllten Gassen steht ein kleiner, hutzeliger Mann und schwenkt seine Arme – vollbehangen mit roten Clownsnasen.

Am Placa de Armas erreichen die Menschenströme ihren derzeitigen Höhepunkt. Neben dem Palacio de Gobierno, dem Regierungspalast und der ersten Kirche Limas, der La Catedral de Lima aus dem 16. Jahrhundert tummeln sich Touristen und Snackverkäufer. Inzwischen sind wir seit einiger Zeit unterwegs. Uns plagt mal wieder der Hunger. In jedem Reiseführer steht, man solle nicht in ominöse Straßenrestaurants gehen und keine tierischen Produkte zu sich nehmen. Wir setzen uns also in ein Lokal am Straßenrand und bestellen Pollo und Tortillas... Nur das klebrige Besteck müssen wir mit Desinfektionsmittel abwischen. (Spoiler: Magenverstimmungen blieben aus... aber ich komme bestimmt noch zu meiner Durchfallszene im Dokumentarfilm... keine Sorge ;) )

 

Ich bleibe immer wieder stehen, um Hausecken, Taxis und Menschen zu filmen. Sehr zur Sorge Hedas. Aber ich habe damit kein Problem. Selbst in vierhundert Meter Entfernung muss ich einfach nach Fabis und Hedas Köpfen Ausschau halten, welche alle immer noch um Längen überragen. Genauso werden die zwei aber auch angestarrt. Eine große Frau scheint als eine Art Ausnahme verkraftbar. Bei zwei Amazonen klappen so manche Kinnladen runter. Jedenfalls biege ich im Barrio Chino (sprich China Town) für zwanzig Sekunden einen Schritt in eine andere Straße ab, um das Treiben da aufzunehmen. Als ich den Schritt wieder zurückgehe und wieder ins Blickfeld der Herde rücke, sehe ich eine entsetzte Heda. Kaum bin ich wieder bei ihnen, bekomme ich erstmal eins mit der Plastiktüte auf den Hintern. - Wir müssen zusammenbleiben. - Und sie hat ja recht. :)

Gerade auf engen Wegen trage ich die Kamera vor mir her, das Stativ auf meine Hüfttasche gestützt sieht es aus, als filme ich die ganze Zeit, was ich nicht tue. Die entgegenkommenden Leute lächeln, grinsen und winken. Das macht einen selbst auch irgendwie fröhlich. Was mich aber und andere sehr beunruhigt, sind die vielen weinenden Frauen, die man immer umringt von anderen Frauen antrifft. Aus Hedas letztem Beitrag wissen wir schon, dass die Frauen es hier sehr schwer haben und ich bin gespannt, wie es sich in kleineren Städten verhält. Lima ist schließlich schon sehr westlich angehaucht.

 

Die Taxifahrt gestaltet sich wiederum als sehr amüsant. Von der Fahrt vom Flughafen zur Unterkunft wissen wir schon, dass Sitzplätze nichts mit der Anzahl der zu transportierenden Personen zu tun hat. Heda sitzt vorn. Fabi rutscht durch, Magda nimmt auf Fabis Schoß platz, dann rücken Swantje und ich nach. Die rasante Fahrt beginnt, hupend und viel zu schnell fahren wir los. Der Fahrer plappert und gestikuliert. So richtig versteht ihn niemand. Irgendwann fällt aber der Groschen: Wir sollen ihm den Weg ansagen. Gepresst wie in der Sardinenbüchse beugt sich Magda mit dem Handy nach vorn. Ihr Kopf ragt schon beinahe parallel zu dem des Taxifahrers.

„Da vorn rechts... oder … ja da vorn... ach nee... hä?... da geht keine Straße nach rechts... Jetzt berechnet der neu... ok... jetzt hier rechts... ja, in vierhundert Meter... jetzt in zehn... jetzt hier... huch! War das jetzt richtig?“

Ich selber kann nicht viel tun. Ich klemme zwischen Swantje und der Autotür und betrachte die gelbe Plüschente auf dem Amaturenbrett. Das ist das schöne an Südamerika... man beginnt viele Dinge viel entspannter zu sehen...

 

Morgen geht’s zur Textilkünstlerin Ana Teresa Barboza.

Seit gespannt. Wir sind es auch. :)

 

Herzlichst

 

Luise

26.08. - Unser erster Tag in Peru...

Luise

Dank der Zeitumstellung lag jeder von uns zwischen um zwei und um vier Uhr Ortszeit wach herum. Der Flug hatte uns erschöpft und so verbrachten wir den frühen Vormittag noch eingehüllt in unseren Betten. Das tosende Geräuschemeer aus Hupen, Alarmanlagen und pfeifenden Verkehrspolizisten ließ mich beruhigt schlafen. Anderen bescherte diese homogene Klangkulisse eine unruhige Nacht.

 

Unsere Unterkunft mit Panoramaausblick lässt uns beim Aufstehen ernüchtern: Grau trübe Wolken, kein Sonnenstrahl und zugige Kälte hätten uns beinahe wieder unter die Bettdecken verschwinden lassen. Aber wir haben Hunger. Gestern war es zuspät gewesen, um etwas einzukaufen.

 „Ich hab noch BabyBell im Rucksack!“, zischt Magdalena neben mir, damit die im anderen Zimmer nichts mitbekommen. Es sind die zwei letzten. Ganz vorsichtig packen wir den Käse aus. - Niemand darf uns hören! Magda zieht auch noch eine Tüte Gummitiere hervor. Schnell stehe ich auf um noch die Kürbiskerne vom Flug aus der Tasche zu kramen. Da höre ich von gegenüber ein Rascheln... Fabi und Swantje fressen also auch.

„Esst ihr da drüben etwa was!?“, ruft Magda rüber.

„Nein?“, schallt es zurück.

„Gut, wir haben hier nämlich auch gar keine Gummibärchen!“

„Wir haben hier auch gar keine Kekse!“

 

Mit leeren Rucksäcken und Beuteln ausgestattet, treten wir also vor die Tür. Der Wachmann des Hochhauses öffnet uns das Gittertor und verabschiedet sich freundlich. Hier im Stadtteil San Isidro fühlt man sich auf jeden Fall sicher. Auf dem Weg zu einer Bank treffen wir Unmengen an Wachmännern und drei Meter hohe Gitterzäune. Wenig Menschen sind auf der Straße. Alle warm angezogen... schließlich ist hier gerade Winter. Palmen, Bambussträucher, Kakteen und Starbucks begegnen uns. Autos jeden Alters und Verschrottungsgrades knattern vorbei.

 

Die Kabel... Ich liebe die Stromkabel hier! Nach dem Motto: Was muss, das muss! Es steht ein Pfeiler da und aus jeder Richtung treffen sich dort an die dreißig Kabel. - Verschlingen sich und wechseln im neunzig Grad Winkel die Richtung. Eichhörnchen klettern darüber. Jeder deutsche Elektriker hätte schon längst einen Herzinfarkt bekommen.

 

Vogelgezwitscher dröhnt genauso redundant, wie jede Hupe hier in der Stadt. Endlich erreichen wir den Supermarkt. Das allererste, was uns entgegen springt, sind die deutschen Rührkuchen... und die 5-Kilo Reissäcke. An jedem Regal gibt es einen Vertreter einer Marke oder eine Frau mit Mundschutz und Haarnetz, die dir Proben anbietet. Wir schleichen an den Fertigprodukten vorbei und arbeiten uns durch das Gemüseangebot. Möhren so breit wie mein Handgelenk, schwarzer Mais und rot-gelbe Minikartoffeln (Ollucos, wie wir später herausfinden.)... jeder zückt sein Handy, um die Farbenpracht festzuhalten. Sogar ein Beratungsgespräch über Toilettenpapier hatten wir. Fünf Frauen, eine Woche Aufenthalt... die Entscheidung war nicht einfach.

 

Zwischen erdfarbenen Häusern und kobaltblauen Anstrichen schleppen wir unsere Beute wieder in die Unterkunft. Endlich lässt sich auch mal die Sonne blicken.

 

Nach einer gemeinsamen Brotzeit und einer Mittagsruhe wollen wir an den Pazifik. Bepackt mit Kameras und Wasserflaschen machen wir uns also auf. Wir rechnen kurz durch, ob wir vor Sonnenuntergang zurück sind... ihr wisst schon... wie bei Aschenputtel: „Gib acht Kind, um Mitternacht, der Zauber verschwind´.“ Die Straßen sind überfüllt, laut und umgeben von einem grauen Abgasschleier. Wer überholt, hupt - wer aus der Parklücke fährt, hupt – wer anhält, hupt – manche Verhaltensmuster sind mir derweil noch unklar... aber eins ist sicher: Alle hupen. Ein Klangspektakel sondergleichen. Als Fußgänger heißt es an unbeampelten Übergängen: Drauf zulaufen... die halten schon an. Für meine pedantische Seite ist das ganz schön schwierig. An den Ampeln gibt es eine Sekundenanzeige bis zur nächsten Schaltung. Ich muss mich zwingen, nicht jedes Mal „Und DREI, ZWEI, EINS!“ zu rufen.

 

Unser Weg führt uns durch einen Olivenbaumpark aus dem siebzehnten Jahrhundert. Es ist Samstag und die Menschen tummeln sich auf dem Gras oder spielen mit ihren Kindern. Auf der anderen Seite eines kleinen Teichs wird geheiratet. Ich laufe immer dreihundert Meter hinter der Gruppe, weil ich so viel aufnehmen möchte. Positionieren, scharf stellen und dann so tun, als würde man etwas hinter der gefilmten Person fokussieren... das braucht echt Zeit.

 

Der Himmel wird schon langsam dunkler, als wir den Pazifik erreichen. Es trennt uns eine sehr hohe, teils begrünte Klippe vom Wasser. Die tosenden Wellen sind schon von weit weg zu erkennen und zu hören. Der Panoramaausblick ist eine Selfiestudie wert: Alle zwei Meter hält jemand seinen Handy (ob mit Stock oder langem Arm) in die Höhe. Familien, Pärchen und ein Mann, der unser aller Aufmerksamkeit erregt: Ein kleiner, verhutzelter Mann. Mit drahtigem Lockenhaar, großer Sonnenbrille und dunklem Teint befestigt ein biegbares Stativ an Bäumen, Mülleimern und Sitzbänken, um sich dann vor den Ozean zu stellen und via Selbstauslöser zu fotografieren. - Mit der verdeckten Sonne und dem Blick aufs unendliche Meer, welches sich im nirgendwo mit dem Himmel verbindet, hat dieser Ort schon etwas melancholisches.

 

Der dunkle Rückweg verläuft ereignislos... selbst durch den Parque El Olivar. den Olivenbaumpark rannten immer noch Kinder – halb sieben... unter smogerhelltem Nachthimmel... bewacht durch Laternen und Wachtpersonal mit blau blinkenden Lichtern am Revers.

 

Die Nachtwache öffnet uns das Tor und beim Eintreten ins Treppenhaus heißt uns laute Musik willkommen. Ich nehme die Treppe, weil ich wissen will, was da los ist. Im vierten Stock steht ein Sofa auf dem Treppenabsatz. Vier Kinder tummeln sich da. Durch die geöffnete Wohnungstür erkenne ich eine tanzende Frau im Katzenkostüm. Scheint ein Kindergeburtstag zu sein. Die Musik schallt bis zu uns hinauf in die Wohnung. Aber ob Kinderparty oder Hupkonzert... es spielt eh keine Rolle...

 

Der erste Tag ist geschafft. Völlig unspektakulär mit leichtem Jetlag hieß uns Lima willkommen.

 

So richtig glaube ich es immer noch nicht, dass wir tatsächlich hier sind. Nach einem Jahr Vorbereitung und vielen Hürden fühlt sich das alle so unwirklich an.

Mal sehen was uns in den nächsten Tagen bevorsteht.

 

Herzlichst

Luise

Selbstgemachtes Skizzenbuch!

Magdalena

Hallo ihr Lieben! 

Nachdem ich meinen Einsatz beim letzten Mal so super verpasst habe, melde ich mich diese Woche, einen Tag vor Reisebeginn, wieder zu Wort. Eines der wichtigsten Gepäckstücke- und mit Gepäckstücken beschäftige ich mich ja irgendwie schon seit Wochen- ist für unser Projekt natürlich ein Skizzenbuch! Bevor ich euch zeige, wie ich mir eines selbst gebunden habe, gibt es noch ein paar Infos!


Während unserer Vorbereitungen haben sich einige Sachen geändert.

Luise hatte zwar schonmal darüber berichtet, aber wir würden gerne die wirklich aktuelle Lage nocheinmal zusammenfassen: Chiara wird uns leider nicht als Dokumentarfilmerin begleiten. Der Grund ist ein schöner: sie bekam für den gleichen Zeitraum und darüber hinaus ein renomiertes Stipendium in Paris, das sie nicht ausschlagen konnte. Gott sei Dank haben wir ja aber Luise Croft an Bord, die sich nun statt dem textilen Projekt der Aufnahmen unseres textilen Projekts widmet. Peng peng
Alle anderen 4 Chicas bleiben bei der textilen Bearbeitung. Inspirationen werden wir genug aufsaugen- Auch Señorita Croft. 

 

 

 

Nun denn habe ich eine kleine Fotostrecke vorbereitet, die Schritt für Schritt den Herstellungsprozess meines Skizzenbuches zeigt. Um das Papier zu gestalten, mit dem der Einband eingeschlagen werden sollte, brauchte ich genau drei Dinge: Papier, Linoldruckfarbe und einen Bleistift mit Radiergummi.

Die Farbe habe ich mit dem Radiergummi einfach aufgestempelt.

Achtung! Sie muss mindestens einen Tag trocknen!

Anschließend habe ich zwei Pappen zugeschnitten, die etwas größer als das Papier sein sollten, mit dem das Buch später befül